Zum 50. Todestag des Freiburger Ökonomen

Walter Eucken

Ein strikter Fusionsgegner

Von Andreas Schröder,

Stuttgarter Zeitung Nr. 66, vom 20. März 2000

Eine Großfusion zwischen Deutscher Bank und Dresdner Bank hätte Walter Eucken abgelehnt. Während Konzerne sich heute mit dem Hinweis auf ihre Oberlebensfähigkeit im Weltmarkt auf nationaler und sogar auf internationaler Ebene zu riesigen Unternehmen zusammenschließen, vertrat er eine gegenteilige Auffassung: Im Sinne einer gerechten - also einer durch den Wettbewerb gelenkten -Weltwirtschaft wird die Fähigkeit, sich auf einem globalen Markt zu behaupten, durch Großkonzerne eher verhindert. Nach seiner Meinung ist das Wachstum von Unternehmen, nur durch Leistung im Wettbewerb legitim, nicht aber durch Kartelle und Großfusionen.

Walter Eucken, der heute vor 50 Jahren auf einer Vortragsreise in London gestorben ist, gilt als geistiger Vater der Sozialen Marktwirtschaft. In den vierziger Jahren war er Mitbegründer und führender Kopf der Freiburger Schule". Eucken, der seit 1927 an der Freiburger Universität tätig war, hat mit seinen Theorien zur "Ordnungspolitik" Grundlegendes zur Durchsetzung der Sozialen Marktwirtschaft beigetragen.

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Eucken zieht für staatliches Handeln in der Marktwirtschaft sehr enge Grenzen. Der Staat hat im wirtschaftlichen Bereich die Voraussetzungen für einen freien Wettbewerb zu schaffen und den Marktmechanismus funktionsfähig zu erhalten. Die Entstehung privater Marktmacht soll verhindert und ein Rechtsrahmen gesetzt werden, der die freie Entscheidung der Individuen ermöglicht. Euckens Lehre baut auf den Grundlagen des Vertragsrechts und des Eigentums auf. Der Staat sollte erst dann eingreifen, wenn die Freiheit des einen durch die ausufernde Freiheit des anderen bedroht ist. ,

Gleichzeitig sah Eucken soziale Gerechtigkeit und soziale Sicherheit vor allem durch seine Konzeption der, Marktwirtschaft,verwirklicht. Die Verteilung, die sich im Wettbewerb ergibt, ist nach seiner Ansicht auch gerecht. In seinem Werk "Grundsätze der Wirtschaftspolitik" macht Eucken deutlich, dass "Sozialpolitik in erster Linie Wirtschaftsordnungspolitik zu sein hat". Eine starke Wettbewerbsordnung reicht nach seiner Meinung als Gestaltungsmittel der Wirtschaftspolitik aus. Eingriffe in den Mechanismus, etwa staatliche Subventionen, Einfuhrverbote oder Preisstopps, sind nach Euckens Vorstellung fehl am Platz. Zusätzliche soziale Sicherungssysteme sah er als unnötig an.

Die Wettbewerbsordnung ist nach dem' Verständnis Euckens vor allem auf eines ausgerichtet: "Die Freiheit des Menschen". Entstanden sind die Theorien Euckens, der 1891 in Jena geboren wurde, bezeichnenderweise in der Zeit des Nationalsozialismus. Zusammen mit befreundeten Wissenschaftlern entwarf Eucken die Grundsätze einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung. Er suchte einen Mittelweg zwischen dem reinen, ungezügelten Kapitalismus und der zentral gelenkten Staatswirtschaft, die nach Eucken mit der Unfreiheit des Einzelnen in der Zeit des Nationalsozialismus ihren Höhepunkt fand. Beide Systeme sah der Wissenschaftler als gescheitert an.

Die neoliberale Wirtschaftspolitik von Walter Eucken und wissenschaftlichen Mitstreitern wie Friedrich August von Hayek, Franz Böhm, Wilhelm Röpke und Alexander Rüstow wurde nach Euckens Tod von Alfred Müller-Armack und Ludwig Erhard zur Sozialen Marktwirtschaft fortentwickelt. Die Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft geht insofern über den von Eucken vertretenen Ansatz hinaus, als sie soziale Sicherungen mit in die staatliche Ordnung einbezieht. Dabei verstanden Erhard und Müller-Armack, der Staatssekretär unter Erhard im Bundeswirtschaftsministerium gewesen ist, die sozialen Systeme als Hilfe zur Selbsthilfe und warnten schon früh vor einer finanziellen Überforderung des Staates.

 

Walter Eucken

gilt als geistiger Vater der

Sozialen Marktwirtschaft