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Prof. Dr. Jürgen Pätzold

 

Ziele der Wirtschaftspolitik

 

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1 Wirtschaftspolitische Primärziele in einer Marktwirtschaft

1.1 Ziele der Ordnungspolitik

Bei den Zielen der Ordnungspolitik handelt es sich um Grundsätze der Gestaltung einer Wirtschaftsordnung. Hierbei ist in erster Linie darüber zu entscheiden, welche Wirtschaftsordnung im konkreten Fall angestrebt werden soll. Ist die Grundentscheidung über die Wirtschaftsordnung, z. B. die Soziale Marktwirtschaft, gefallen, so sind die Rahmenbedingungen dieser Wirtschaftsordnung zu konkretisieren.

1.2 Ziele der Prozeßpolitik (Konjunktur- und Wachstumspolitik)

Prozeßpolitik ==> Aulaufspolitik ==> wirtschaftlichen Ablauf. Zielkatalog des Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes (StWG) vom 8. 6. 1967. § 1 Satz 1 StWG lautet: "Bund und Länder haben bei ihren wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen die Erfordernisse des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts zu beachten." (weitgehend gleichlautende Formulierung seit 67 im Grundgesetz (Art 109 Abs. 2 GG).

Der Begriff des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht für die praktische Wirtschaftspolitik weitgehend inhaltsleer. In § 1 Satz 2 StWG erfolgt nähere Kennzeichnung:

"Die Maßnahmen sind so zu treffen, daß sie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig zu

beitragen."

Erweiterung in der praktischen Wirtschaftspolitik um die Ziele

zum "magischen Sechseck" der allgemeinen Wirtschaftspolitik.

1.3 Ziele der Strukturpolitik

Die regionale Strukturpolitik verfolgt folgende Ziele:

1.4 Ziele der Verteilungspolitik

==> "gerechte Verteilung" von Einkommen und Vermögen.

Verteilungsprinzipien:

1.5 Ziele der Ressourcenpolitik

Ressourcenpolitik bezieht sich auf nicht erneuerbare, begrenzte natürliche Ressourcen (Erze, Kohle, Erdöl u.a.m.). Ressourcenschonung ==> Substitution durch erneuerbare Ressourcen (sog. Backstop-Ressourcen).

Teilbereich: Umweltpolitik.. Zielformulierungen:

Speziell die Zielsetzung einer dauerhaft umweltgerechten Entwicklung setzt sich seit der Konferenz der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro (Juni 1992) zunehmend durch.

2 Die Ziele des Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes

2.1 Schritte zur Operationalisierung von Zielen

Die Ziele bedürfen einer Präzisierung ==> Operationalisierung.

Die Bekanntgabe angestrebter Entwicklungen erfolgt im Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung:

2.2 Preisniveaustabilität

2.2.1 Begründung der Zielsetzung

Ziel ist nicht die Stabilität der Einzelpreise, sondern die Stabilität des durchschnittlichen Preisniveaus ("Geldwertstabilität").

Zum Begriff siehe auch pfeil.gif (242 Byte)  Inflation

§ 1 Stabilitäts- und Wachstumsgesetz richtet sich an Bund und Länder, § 3 Bundesbankgesetz (Sicherung der Währung") richtet sich an die Bundesbank.

Negative Wirkungen von Inflation:

Siehe hierzu auch pfeil.gif (242 Byte) Inflation

2.2.3 Messung der Inflation

2.2.3.1 Preisindizes der Lebenshaltung

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Inflationsmessung => Erfassung der Verbrauchsgewohnheiten, anhand eines "typischen" Warenkorbes. Am weitesten verbreitet sind Warenkörbe der Lebenshaltung (sog. Preisindizes der Lebenshaltung).

Seit Anfang der 70er Jahre ist es üblich, Inflation auf der Grundlage des

Preisindex der Lebenshaltung aller Privaten Haushalte auszuweisen.

Zur Zeit wird die Inflationsrate auf der Basis der Verbrauchsgewohnheiten des Jahres 1995 berechnet.

Westdeutscher Warenkorb enthält zur Zeit 750 Waren und Dienstleistungen (sog. Repräsentanten). Monatlich etwa 170 000 Preiserhebungen in 119 westdeutschen Gemeinden. Konstanz der Mengenzusammensetzung (sog. Laspeyres Methode). Bildung einer Indexreihe. weitere_info.gif (435 Byte)

Berechnung der prozentualen Steigerungsrate gegenüber dem Vorjahr (Inflationsrate). Für die Preissteigerungsrate (wp) gilt:

 pi_def1.gif (1352 Byte)  pi_def2.gif (1388 Byte)

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2.2.3.2 Aussagefähigkeit und Probleme der Preisindizes

Mit Blick auf die unzureichende Erfassung von Qualitätsveränderungen und die anderen genannten Effekte kann man eine Inflationsrate von etwa 1 Prozent als Preisniveaustabilität interpretieren.

2.2.4 Weitere Preisindizes

2.3 Hoher Beschäftigungsstand

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2.2 Begründung der Zielsetzung

2.3.1 Umschreibung einer Vollbeschäftigungssituation

2.3.2 Methoden und Probleme der Quantifizierung der Arbeitslosigkeit

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Der nicht registrierte Teil ("verdeckte Arbeitslose") wird als "stille Reserve" oder "verdeckte Arbeitslosigkeit" (ALSR) bezeichnet.

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Die stille Reserve ist ein Indiz für die Unschärfe der "registrierten Arbeitslosigkeit". Zumindest ein Teil der Neueinstellungen erfolgt aus der "verdeckten Arbeitslosig-keit".

Verdeckt arbeitslos sind insbesondere:

Selbst im Zeitablauf sind die nach einer einheitlichen Methode berechneten Arbeitslosenquoten nur mit Vorbehalt miteinander vergleichbar.

Auch die Höhe und die Entwicklung der offenen Stellen ist nur bedingt aussagekräftig, da es keine Verpflichtung für die Unternehmen gibt, offene Stellen entsprechend dem tatsächlichen Arbeitskräftebedarf auszuweisen.

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Quelle: IAB

Internationale Vergleiche von Arbeitslosenquoten kaum zulässig ==> sehr unterschiedlichen nationalen Methoden.

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Generell sind erhebliche Bewegungen am Arbeitsmarkt zu verzeichnen:

Bewegungen am ArbMarkt_IAB_Bild.gif (22412 Byte)

Quelle: IAB

2.4 Stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum

2.4.1 Begründung der Zielsetzung

Wirtschaftliches Wachstum ==> verbessert materielle Güterversorgung ==> entschärft auch die Verteilungs- konflikte ==> fördert die Beschäftigung.

Kritik: ==> negativen Folgen für die Umwelt, Abbau nicht regenerierbarer Ressourcen.Forderung nach "Nullwachstum".

StWG ==> "angemessenes" Wirtschaftswachstum ==> politische Wertung. Die Bundesregierung bewertete in der Vergangenheit eine Rate des realen BIP-Wachstums von etwa zwei bis drei Prozent als angemessen.

2.4.2 Inlandsprodukt und Produktionspotential als Wachstumsindikatoren

2.4.2.1 Das tatsächlich erwirtschaftete Bruttoinlandsprodukt als traditioneller Konjunktur- und Wachstumsindikator

Traditioneller Wachstumsindikator: reales Bruttoinlandsprodukt (BIPrm). Das Inlandsprodukt erfaßt die Produktionsleistung innerhalb der Grenzen eines Landes. BIPm repräsentiert die am Markt nachgefragte und damit tatsächlich produzierte gesamtwi. Produktion.

BIPm = Cpr + Ibrpr + ASt + Ex - Im

Zum Begriffe "gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung" siehe auch pfeil.gif (242 Byte)

Die Nachfrage entwickelt sich unstetig; die gesamtwirtschaftliche Produktion unterliegt also Schwankungen.

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Zur Entwicklung des pfeil.gif (242 Byte)  BIP 1999

2.4.2.2 Das Produktionspotential als Indikator für die volkswirtschaftliche Produktionskapazität

Die reale wirtschaftliche Entwicklungkann sich nur im Rahmen der zur Verfügung stehenden Produktionskapazitäten vollziehen. Diese potentielle Produktion wird als Produktionspotential bezeichnet.

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Das Produktionspotential gibt folglich die Obergrenze der tatsächlichen volkswirtschaftlichen Produktion an. Die gesamtwirtschaftliche Kapazität (Produktionspotential) ist abhängig von der Ausstattung mit Produktionsfaktoren.

Das Wachstum der volkswirtschaftlichen Produktionskapazität (wBIP*) hängt von der quantitativen und qualitativen Entwicklung dieser Faktorbestände ab.

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Eine Erhöhung der volkswirtschaftlichen Produktionskapazität setzt Investitionen voraus (Kapazitätseffekt der Investitionstätigkeit).

(1) Sachkapitalerweiterungsinvestitionen (z.B. Anlageinvestitionen ohne technischen Fortschritt),

(2) Sachkapitalverbesserungsinvestitionen bzw. Rationalisierungsinvestitionen (z.B. Installation einer leistungsfähigeren Anlage),

(3) Humankapitalinvestitionen bzw. Bildungs- und Ausbildungsinvestitionen,

(4) Ressourceninvestitionen (z. B. Investitionen zur Verringerung des spezifischen Energie- oder Ressourcenverbrauchs),

(5) Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen,

(6) Investitionen in organisatorische Verbesserungen.

2.4.3 Methoden zur Schätzung des Produktionspotentials

Schätzungen des Produktionspotentials werden u.a. von der Deutschen Bundesbank und vom Sachverständigenrat auf der Grundlage einer makroökonomischen Produktionsfunktion vorgenommen. Dem Sachverständigenrat dient das Potentialwachstum als wichtige Bezugsgröße für seine wirtschaftspolitischen Empfehlungen; der Deutschen Bundesbank dient es als zentrale Grundlage für die Bestimmung des jährlichen Geldmengenziels.

2.4.4 Der Auslastungsgrad des Produktionspotentials

Konjunkturschwankungen werden vom Sachverständigenrat als Schwankungen im Auslastungsgrad des Produktionspotentials definiert ==> gesamtwirtschaftliche Kapazitätsauslastungsschwankungen.

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Auslastungsschwankungen sind vor allem Konsequenz der unstetigen Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Nachfragekomponenten.

Folge von Konjunkturschwankungen sind folglich "konjunkturelle" Zielverletzungen, also konjunkturelle Arbeitslosigkeit in der Rezession (bei gleichzeitig normalerweise geringer Inflation) bzw. konjunkturelle Inflation im Boom (sog. Nachfrageinflation) bei gleichzeitig geringer konjunktureller Arbeitslosigkeit. Es ist das Ziel der Konjunkturpolitik, diese konjunkturbedingten Zielverletzungen möglichst gering zu halten und die Wirtschaft auf einem "optimalen" (nicht maximalen) Auslastungsgrad zu stabilisieren. Nach Auffassung des Sachverständigenrates liegt dieser Auslastungsgrad etwa bei 96, 5 Prozent.

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2.4.5 Weitere Konjunkturindikatoren

In der praktischen Konjunkturpolitik kommen weitere Diagnoseverfahren zur Anwendung:

2.5 Außenwirtschaftliches Gleichgewicht

2.5.1 Begründung und Umschreibung des Ziels "außenwirtschaftliches Gleichgewicht"

Umschreibung: "Außenwirtschaftliches Gleichgewicht ist eine Situation, die dadurch gekennzeichnet ist, daß von den wirtschaftlichen Beziehungen des Inlands mit dem Ausland keine negativen Wirkungen auf die binnenwirtschaftliche Entwicklung ausgehen." (J. Pätzold, 1998). Mit Blick auf die binnenwirtschaftlichen Ziele heißt dies, daß außenwirtschaftliches Gleichgewicht dann gegeben ist, wenn vom Ausland weder

in die Binnenwirtschaft hereingetragen werden und umgekehrt heimische Fehlentwicklungen nicht zu Lasten des Auslandes "gelöst" werden (kein "Export der heimischen Inflation, kein Export der heimischen Beschäftigungsprobleme bzw. keine exportierte Wachstumsschwäche). Eine Politik, die die heimischen Probleme auf Kosten des Nachbarn löst, wird auch als "beggar my neighbour policy". Entsprechende Abwehrreaktionen des Auslandes und eine Spirale protektionistischer Maßnahmen wären die Folge. ==> Vorziel zur Erreichung des binnenwirtschaftlichen Gleichgewichts.

2.5.2 Konkretisierung des Ziels anhand der Zahlungsbilanz

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Begriff: "Zahlungsbilanz"

Die Zahlungsbilanz ist die systematische Darstellung aller außenwirtschaftlichen Transaktionen eines Landes. Es Handelt sich nicht um eine Bestandsrechung, sondern um eine Erfolgsrechung mit dem Ausland (Bewegungsbilanz).Die Transaktionen werden kontenartig erfaßt. Verbuchungsregel: Transaktionen, die zu Zahlungseingängen führen, werden im sogenannten Credit (oder Haben) verbucht, Transaktionen, die zu einem Zahlungsausgang führen, werden im sogenannten Debet (oder Soll) verbucht. Bei Erfassung aller Transaktionen und korrekter Verbuchung muß die Zahlungsbilanz insgesamt immer ausgeglichen sein.

Teilbilanzen der Zahlungsbilanz:

Die Zahlungsbilanz
setzt sich zusammen aus der Leistungsbilanz, bestehend aus der

  1. Handelsbilanz,
  2. Dienstleistungsbilanz und
  3. Übertragungsbilanz

Sowie der Kapitalverkehrsbilanz (im weiten Sinne), bestehend aus der

  1. Kapitalverkehrsbilanz im engeren Sinne und der
  2. Devisenbilanz der Zentralbank.

Zusammenhang: Der wichtigste Punkt für das Verständnis der Zahlungsbilanz und einer der wichtigsten Punkte für ein korrektes Verständnis internationaler Wirtschaftsbeziehungen insgesamt, besteht in folgendem Zusammenhang zwischen Leistungs- und Kapitalverkehrsbilanz. Wenn ein Land mehr Güter- oder Dienstleistungen exportiert, als es importiert (und wenn dabei keine unentgeltlichen Übertragungen involviert sind), dann muß dieses Land auf die eine oder andere Weise einen Zuwachs an Auslandsforderungen oder eine Verringerung der Auslandsverbindlichkeiten erfahren haben. In dem Maße, wie ein Teil des Güterhandels auf  Schenkungen beruht, erfolgt eine entsprechende Korrektur im Bereich der Übertragungsbilanz. Analoges gilt für die einseitigen Zahlungen, die zunächst in der Kapitalbilanz verbucht werden und in der Übertragungsbilanz ihre Gegenbuchung finden.

Insgesamt gilt: Wenn ein Land einen Leistungsbilanzüberschuß in Höhe von X Mrd. DM erzielt hat, dann muß definitionsgemäß auch in der Kapitalbilanz im weiten Sinne (Kapitalverkehrsbilanz + Devisenbilanz) ein Nettokapitalexport (=Zunahme der Forderungen gegenüber dem Ausland) in Höhe von ebenfalls X Mrd. DM entstanden sein, denn der Leistungsbilanzüberschuß führt definitionsgemäß zu einer entsprechenden Zunahme der Forderungen des Inlandes gegenüber dem Ausland.
Im Falle eine Leistungsbilanzdefizits muß umgekehrt die Kapitalbilanz im weiten Sinne (Kapitalverkehrsbilanz + Devisenbilanz) ein Nettokapitalimport (Abnahme der Forderungen/Zunahmen der Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland, Abnahme der Währungsreserven der Zentralbank) ausweisen. Anders formuliert: Wenn ein Land mehr Leistungen importiert als exportiert hat (Leistungsbilanzdefizit), dann muß dieser Importüberschuß finanziert worden sein, entweder durch Abbau privater Forderungen gegenüber dem Ausland, oder durch Reduktion der Währungsreserven der Zentralbank, oder aber durch eine Zunahme der Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland.

Fazit: Infolge der doppelten Buchhaltung in der Zahlungsbilanz, sind Kapitalverkehrs- und Devisenbilanz das "Spiegelbild" der Leistungsbilanz. Unter dem Strich ist die Zahlungsbilanz also immer ausgegelichen.

Ob und inwieweit sich die Devisenbilanz ändert, hängt nicht zuletzt von der Konstruktion des internationalen Währungssystems ab. In einem internationalen Währungssystem mit Interventionszwang der Zentralbanken zur Stabilisierung der Wecheslkurse (i.d.R. im Rahmen einer engen Bandbreite) - sog. Fest-Wechselkursystem - verändern sich durch Kauf oder Verkauf von Devisen durch die nationale Notenbank die Währungsreserven automatisch. Ein Leistungsbilanzüberschuss führt dann infolge des erhöhten Devisenangebots (z. B. $) und der dadurch bewirkten Abwertungstendenz des Dollar (bzw. ufwertungstendenz der DM) mehr oder weniger zwangsläufig zu Interventionen (Devisenkäufe) der Notenbank. Ein derartiges System fester Wechselkurse waren das internationale pfeil.gif (242 Byte) Währungssystem von Bretton Woods (1944 - 1970) und das pfeil.gif (242 Byte)  Europäische Wahrungssystem (EWS).

Bei einem System (voll) flexibler echselkurse besteht dagegen für die Notenbank kein Inerventionszwang. Wird nicht am Devisenmarkt interveniert, dann verändern sich auch die Währungsreserven der Notenbank nicht. Gegenüber den außereuropäischen Währungen gilt dieses System seit 1970. In der Praxis findet allerdings ein "verschmutztes" oder "managed" floatin statt.

Bei der empirischen Erfassung der Zahlungsbilanz tauchen allerdings Probleme auf: Statistisch nicht erfaßte oder nicht aufgliederbare Transaktionen werden in einer "Restpostenbilanz", Veränderungen der Wähungsreserven, die auf Bewertungsveränderungen oder Zuteilung von (Sonder-)Ziehungsrechten durch den IWF beruhen, werden in einem Konto "Ausgleichsposten zur Auslansposition" der Deutschen Bundesbank buchhalterisch neutralisiert.

Abbildung: Zahlungsbilanz

 

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Verschiedene Zahlungsbilanzkonstellationen können aus außenwirtschaftliches Gleichgewicht interpretiert werden. Inzwischen setzt sich allerdings durch, außenwirtschaftliches Gleichgewicht dann anzunehmen, wenn die Leistungsbilanz dauerhaft ausgeglichen ist.

3 Zielbeziehungen und Zielkonflikte

3.1 Arten von Zielbeziehungen

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3.2 Das Beispiel der Phillips-Kurve

3.2.1 Ursprüngliche und modifizierte Phillips-Kurve

Phillips (1958) untersuchte den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Lohnsteigerungen über einen Zeitraum von nahezu 100 Jahren in England (1861 - 1957). Dabei bestätigte sich die theoretisch erwartete Vermutung, daß die Lohnsteigerungen (wl) um so höher sind, je angespannter die Situation auf dem Arbeitsmarkt, je geringer also die Arbeitslosenquote (ALQ) ist.

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Diese modifizierte Phillips-Kurve war der Ausgangspunkt einer langen und kontroversen Diskussion um die Zielbeziehung zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit. Die Kurve behauptet, daß ein höherer Beschäftigungsstand (eine geringere Arbeitslosigkeit) - wegen der damit einhergehenden höheren Lohnsteigerungen - nur um den Preis einer höheren Inflationsrate realisiert werden könne.

Ließe sich in der Realität ein derartiger Phillips-Konflikt nachweisen, so stünden die Regierungen vor dem Problem, zwischen den beiden Übeln "Inflation" und "Arbeitslosigkeit" wählen zu müssen. Die Phillips-Kurve wäre quasi eine Menükarte der Wirtschaftspolitik, auf der es lediglich gilt, je nach Geschmack, eine Speise auszuwählen. Die These vom Konflikt zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit hat das wirtschaftspolitische Denken sehr stark geprägt - möglicherweise sogar verblendet. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an den Ausspruch des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, der "lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslosigkeit" akzeptieren wollte.

3.2.2 Kritik der Phillips-Kurve

Der Phillips-Konflikt kann lediglich für konjunkturabhängige Zusammenhänge akzeptiert werden.

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Konjunkturschwankungen und Phillips-Konflikt

Die Erfahrung zeigt, daß es kurzfristig, also im Verlauf eines Konjunkturzyklus, einen Konflikt zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit gibt. D. h. im Konjunkturverlauf findet eine Bewegung auf einer gegebenen Phillips-Kurve statt. In der Hochkonjunktur ist eine geringere (konjunkturelle Arbeitslosigkeit mit einer höheren (Nachfrage-)Inflation verbunden. Umgekehrt ist in der Rezession die konjunkturelle Arbeitslosigkeit höher und gleichzeitig die (Nachfrage-)Inflation geringer.

Die Phillips-Kurve stellt demnach den "Konflikt zwischen konjunktureller Inflation und konjunktureller Arbeitslosigkeit" dar.

Aufgabe der Konjunkturpolitik ist es, - je nach politischer Präferenz - eine (politisch) optimale Kombination zwischen konjunktureller Inflation und konjunktureller Arbeitslosigkeit anzustreben (z. B. Konstellation (3) in Graphik III), d. h. die Wirtschaft auf einem optimalen (nicht maximalen !) Auslastungsgrad zu stabilisieren (a* in Graphik II; z. B. 96,5 Prozent). Auf die Graphik I übertragen bedeutet dies, daß die Volkswirtschaft auf einem Niveau stabilisiert werden sollte, daß durch einen normalen Auslastungsgrad gekennzeichnet ist (Produktionspotential bei Normal- oder Optimalauslastung).

Die so interpretierte Phillips-Kurve ist dann offensichtlich eine "Menükarte" für die Konjunkturpolitik.

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Aus den kurzfristig positiven Beschäftigungswirkungen einer inflatorischen Wirtschaftspolitik darf allerdings nicht der Schluß gezogen werden, man könne sich quasi mit dem süßen Gift der Inflation permanent Vollbeschäftigung erkaufen. Das Gegenteil ist der Fall! Auf Dauer führt Inflation letztlich zu negativen Auswirkungen auf Wachstum und Beschäftigung. Sie unterminiert die Funktionsweise des Marktsystems und führt zu einem schleichenden Prozeß der Fehlallokation von Produktionsfaktoren. Graphisch bedeutet dies, daß sich die ursprüngliche Phillips-Kurve im Koordinatensystem nach Nord-Ost, also in "schlechtere Bereiche", verlagert (sog. Stagflation). Die Lage der Phillips-Kurve im Koordinatensystem ist also keineswegs stabil. Je weiter sich die Phillips-Kurve nach Nord-Ost verlagert, um so ausgeprägter sind nicht-konjunkturelle Ursachen von Inflation und Arbeitslosigkeit (z. B. Kostendruckinflation oder strukturelle Arbeitslosigkeit).

3.2.3 Das Stagflationsphänomen

Stagflation bezeichnet eine stagnationäre wirtschaftliche Entwicklung mit zunehmender Arbeitslosigkeit und gleichzeitig zunehmender Inflation. Graphisch gesehen handelt es sich hierbei um eine Nord-Ost-Verlagerung der Phillips-Kurve:

Die Ursachen einer Verlagerung der Phillips-Kurven sind nicht-konjunktureller Natur. So kann - wie dies Anfang der 70er Jahre in der Bundesrepublik der Fall war - bei relativ stabilem Beschäftigungsgrad die Inflation als Folge von mit Macht ausgetragenen Verteilungskämpfen steigen und sich die Phillips-Kurve (im Grenzfall) senkrecht nach oben verlagern (Graphik II). Oder - wie dies seit Mitte der 70er Jahre in der Bundesrepublik der Fall ist - zunehmende strukturelle, demographische, technologische und andere Formen "nicht-konjunktureller Arbeitslosigkeit" auftreten und die Phillips-Kurve im Koordinatensystem nach rechts verlagern (Graphik III). Aus der Kombination beider Sachverhalte ergibt sich dann das Stagflationsphänomen (Graphik I).

3.2.4 Phillips-Kurven-Shift in der Bundesrepublik Deutschland

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Betrachtet man den Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik Deutschland, so zeigt sich ein differenziertes Bild:

3 Literaturhinweise

Pflichtlektüre

zu Teil 1: Ordnungspolitik

Pätzold, J: Soziale Marktwirtschaft. Konzeption, Entwicklung, Zukunftsaufgaben, 6. Aufl., Ludwigsburg, Berlin 1995

Hardes, H.-D., G.-J. Krol, F. Rahmeyer und A. Schmid: Volkswirtschaftslehre - problemorientiert, UTB 737, Tübingen (aktuelle Auflage)

zu Teil 2: Ziele der Wirtschaftspolitik

Mussel, G. und J. Pätzold: Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 2. Aufl., München 1995

Pätzold, J.; Stabilisierungspolitik. Grundlagen der nachfrage- und angebotsorientierten Wirtschaftspolitik, 5. Aufl. , Bern und Stuttgart 1993

Hardes, H.-D., G.-J. Krol, F. Rahmeyer und A. Schmid: Volkswirtschaftslehre - problemorientiert, UTB 737, Tübingen (aktuelle Auflage)

Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Jahresgutachten 1995/96 (Vertrieb: Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft mbH, PF 13 20, 53003 Bonn)

Weitere Literaturhinweise

Eucken, W.: Grundsätze der Wirtschaftspolitik, 6. Aufl., Tübingen 1990

Fukuyama, F.: Der Konflikt der Kulturen. Konfuzius und Marktwirtschaft, Kindler Verlag, 1995

Giersch, H.: Allgemeine Wirtschaftspolitik, Band I und II, Wiesbaden 1960

Kalmbach, P.: Transformation in eine Marktwirtschaft mit Hilfe eines reichen Onkels, in: H. Hagemann (Hrsg.): Probleme der Einheit 11, Marburg 1993

Lampert, H.: Die Wirtschafts- und Sozialordnung der Bundesrepublik Deutschland, 11. Aufl., München 1992

Siebert, H.: Das Wagnis der Einheit: eine wirtschaftspolitische Therapie, 2. Aufl., Stuttgart 1993.

Sinn, G. und H.-W. Sinn: Kaltstart. Volkswirtschaftliche Aspekte der deutschen Vereinigung, 2. Aufl., München 1993.

Internetadressen:

http://www.statistik-bund.de (Statistisches Bundesamt, Wiesbaden)

http://www.bundesbank.de (Deutsche Bundesbank)

http://www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/ (Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Jahresgutachten)

http://www.iwkoeln.de (Institut der deutschen Wirtschaft)

http://frankfurter-institut.de (Frankfurter Institut: "Kronberger Kreis")

 

 

Daten zur Entstehung, Verwendung und Verteilung des BIP KLICK hier

Daten zur Beschäftigung / Arbeitslosigkeit KLICK hier

Daten zur Inflation KLICK hier

Weitere Daten http://www.statistik-bund.de/allg/d/veroe/d_daten.htm

 


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