Postkeynesianische Wirtschaftspolitik im Spiegel der Kritik

  Kritikebene Erläuterung (aus neoklassischer Sicht)

1

Zunehmende strukturelle Budgetdefizte Im Zweifel wird das Instrumentarium expansiv eingesetzt, um die Vollbeschäftigung zu sichern. Die Folge sind zunehmende strukturelle Budgetdefizite. Hiervon gehen unerwünschte Verdrängungseffekte auf Wachstum und Beschäftigung aus ("Crowding-out- Effekte").

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Politische Asymmetrie Expansive Maßnahmen (Erhöhung der Staatsausgaben, Steuersenkungen) sind politisch leichter durchsetzbar als kontraktive. Auch diese politische Asymmetrie verstärkt die Tendenz zu strukturellen Budgetdefiziten und zur Inflation.

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Einseitige Nachfrage- orientierung / Vernachlässigung der Angebotsseite Durch die einseitige Ausrichtung der Wirtschaftspolitik auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage gehen die Bestimmungsfaktoren der privaten Investitionstätigkeit und des wirtschaftlichen Wachstums ("Angebotsdeterminanten") aus dem Blickfeld verloren. Die Folge ist eine Verlangsamung der Wachstumsdynamik und eine "wachstumsdefizitären Arbeitslosigkeit".

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Trügerischer Multipli- katoroptimismus Die Erfahrung zeigt, daß in der Realität die multiplikativen Wirkungen von staatlichen Beschäftigungsprogrammen wesentlich geringer ausfallen als dies in postkeynesianischen Modellen unterstellt wird.

Vielfach treten nur kurzfristige "Strohfeuereffekte" auf, während langfristig sogar negative Effekte auf Produktions- und Beschäftigungsentwicklung zu verzeichnen sind ("negative Multiplikatoreffekte").

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Kontraproduktive "Vollbeschäftigungs- garantie" Folge der staatlichen Vollbeschäftigungspolitik sind nicht nur aggressiver werdende Verteilungsauseinandersetzungen und Inflation, sondern auch eine Verlangsamung der Wachstumsdynamik.

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Verharmlosung der Inflation Die immanenten Inflationstendenzen des postkeynesianischen Konzepts beeinträchtigen langfristig die Funktionsweise des Marktsystems und haben letztlich weniger Wachstum und weniger Beschäftigung zur Folge.

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Ordnungspolitisch problematische einkommenspolitische Absicherung Die gewählten einkommenspolitischen Flankierungen ("Konzertierte Aktionen", "staatliche Lohn- und Preiskontrollen") erwiesen sich als unzureichend; sie sind im Zweifel ordnungspolitisch problematisch.

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Zunehmende strukturelle Verkrustungen Folge der postkeynesianischen Wirtschaftspolitik war auch eine zunehmende strukturelle Verhärtung ("Sklerose"). Die positiven Wirkungen von "Reinigungskrisen" wurden durch den Postkeynesianismus weitgehend außer Kraft gesetzt - mit auf Dauer negativen Wirkungen für Wachstum und Beschäftigung.

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Kurzfristige Orientierung / Vernachlässigung der langfristigen Perspektive Postkeynesianische Wirtschaftspolitik ist an den aktuellen Problemen orientiert. Die Summe kurzfristig "richtiger" wirtschaftspolitischer Maßnahmen kann sich jedoch auf Dauer als problematisch erweisen.

Beispiele: Eine immer wieder von neuem expansive Geldpolitik, die auf Dauer die Geldmenge zu stark ausweitet oder kurzfristig "angemessene" Budgetdefizite, die auf Dauer "strukturell" werden und damit negative "Crowding-out-Effekte" auslösen.

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Zyklusverstärkung durch time-lags Antizyklische Konjunkturpolitik ist im Zweifel mit langen time-lags verbunden. Besonders lang und unberechenbar sind die time-lags einer expansiven Geldpolitik.

Eine antizyklische Konjunkturpolitik wirkt daher tendenziell destabilisierend auf die wirtschaftliche Entwicklung.

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Tendenz zu direkten Interventionen Das zunehmende Versagen des antizyklischen Globalsteuerungs-Interventionismus führt im Zweifel zu der Forderung, direkter wirkende Maßnahmen zu ergreifen (z. B. direkte Investitionslenkung). Die Folge ist ein zunehmender direkter Interventionismus, der die marktwirtschaftliche Ordnung untergräbt.

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Globalsteuerung zur Bekämpfung struktureller Probleme nicht geeignet Das postkeynesianische Konzept ist zur Bekämpfung struktureller Probleme nicht geeignet. Speziell zur Bekämpfung struktureller Arbeitslosigkeit sind spezifische Maßnahmen (Strukturpolitik, Arbeitsmarktpolitik) erforderlich. Die Globalsteuerung ist - wenn überhaupt - nur zur Bekämpfung der konjunkturellen Zielverletzungen (insbes. konjunkturelle Arbeitslosigkeit) geeignet.
Quelle: Pätzold, J.: Stabilisierungspolitik, 6. Aufl., 1998

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