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Prof. Dr. Jürgen Pätzold

 

Das Inflationsproblem

Ursachen und Strategien

 

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1 Entwicklung der Inflation in Deutschland

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2 Negative Konsequenzen von Inflation

Bevor nach den Ursachen der Inflation und den sich daraus ergebenden Ansatzpunkten für eine "ursachengerechte" Geldwertstabilitätspolitik gefragt wird, sollen kurz die möglichen negativen Konsequenzen von inflationären Prozessen beleuchtet werden. Sie sind letztlich die eigentliche Ursache für den hohen Rang des Ziels der "Preisniveaustabilität" im wirtschaftspolitischen Zielkatalog.

Es lassen sich drei Ebenen von Inflationseffekten unterscheiden:

Diese negativen Inflationswirkungen werden im folgenden näher beschrieben.

2.1 Negative Allokations- und Wachstumseffekte

In einer Marktwirtschaft übernehmen die Preise eine Steuerungs- und Signalfunktion. Ein funktionierender Preismechanismus sorgt dafür, daß die nachfragegerechten Güter produziert und die Produktionsfaktoren in ihre effizientesten Einsatzorte gelenkt werden; ein stabiles Preisniveau sichert so die optimale Allokation der Produktionsfaktoren.

Steigen die Preise auf breiter Front an, so wird nicht mehr sichtbar, welche Güter wirklich knapp sind. Die Anbieter sehen in den überall steigenden Preisen sozusagen "grünes Licht" auf allen Märkten; sie dehnen ihr Angebot aus. Insbesondere bei hoher, sich beschleunigender Inflation können Anbieter und Nachfrager nicht mehr zutreffend beurteilen, ob die Güter deshalb teurer geworden sind, weil das Angebot gemessen an der Nachfrage "zu knapp" ist, oder ob die Preissteigerungen lediglich Ausdruck der allgemeinen Inflationstendenz sind. In einer funktionierenden Marktwirtschaft ist dagegen das Preisgefüge immer in Bewegung, wenn sich die Knappheitsverhältnisse ändern. So signalisieren z. B. steigende Energiepreise die Notwendigkeit und Profitabilität neuer Systeme der Energieeinsparung (Wärmepumpen, Solarenergie usw.).

Die Koordinationsleistungen des Marktmechanismus liegen in seiner Fähigkeit, in Anpassung an diese Veränderungen Angebot und Nachfrage auf den einzelnen Märkten tendenziell zum Ausgleich zu bringen. Die Preise verlieren ihre Signalfunktion. Die Folge dieser Fehlinformationen sind fehlerhafte Investitions- und Produktionsentscheidungen. Es kommt zum falschen Einsatz von Arbeit, Kapital und Ressourcen. Die Folge ist eine "Fehlallokation der Produktionsfaktoren". Das bedeutet Hemmung des Wachstums der Wirtschaft und damit auf Dauer eine geringere Beschäftigung als in einer Volkswirtschaft ohne Inflation.

Bei starker und anhaltender Inflation vertrauen die Wirtschaftssubjekte der Geldwertstabilität zudem immer weniger. Es bildet sich eine Inflationsmentalität heraus, mit negativen Folgen für das Geld als Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel. Um erwarteten Geldwertverlusten zu entgehen legen die Wirtschaftssubjekte ihre Ersparnisse nicht in Geld-, sondern in Sachvermögen an. Beispiele sind Sachwerte, wie (bebaubare) Grundstücke und Hochbauten. Die Folge ist, daß das Sparkapital nicht dorthin wandert, wo es am effizientesten eingesetzt wird. Es wäre gegebenenfalls viel sinnvoller, statt in Wohnbauten (und damit letztlich in unproduktive Aktivitäten), in die Erweiterung der Produktionskapazitäten (und damit in Arbeitsplätze) zu investieren. Auch über diesen Prozeß führt die Inflation zur Fehlallokation des Produktionsfaktors Kapital und zu Wachstums- und Beschäftigungseinbußen.

Dies ist ein langfristiger und schleichender Prozeß. Die Zerrüttung der Volkswirtschaft ist vielfach erst auf Dauer erkennbar. Empirisch ist dieser Zusammenhang jedoch eindeutig belegt: Länder mit hohen Inflationsraten sind regelmäßig auch wachstumsschwach und durch eine hohe Unterbeschäftigung geprägt.

Der Sachverständigenrat faßt den Sachverhalt kurz und bündig wie folgt zusammen:

"Ein stabiler Geldwert ist der beste Ausweis einer wachstumsfreundlichen Geldpolitik." (Sachverständigenrat, JG 1986/87). Und Herbert Giersch schreibt: "Alles in allem: eine echte Chance der Wachstumsförderung durch Geldwertschwund sehe ich nicht." (H. Giersch)

Gerade aus diesem Grund betonen Neoklassiker und Monetaristen die Bedeutung der Geldwertstabilität.

2.2 Unkontrollierte und unerwünschte Umverteilungseffekte

Weniger komplex sind dagegen die Wirkungen von Inflation auf die Einkommens- und Vermögensverteilung. Am bekanntesten sind folgende Umverteilungseffekte:

2.2.1 Die Lohn-Lag-Hypothese

Sofern die Lohneinkommen hinter den Preissteigerungen zurückbleiben, dann hat dies zur Konsequenz, daß die Realeinkommen der Arbeitnehmer sinken. Die Lohneinkommensbezieher sind dann Inflationsverlierer. Die Lohnquote sinkt, die Gewinnquote steigt. Voraussetzung ist aber, daß die Lohneinkommen hinter der Inflation hinterherhinken. Mit der Lohn-Lag-Hypothese wird nicht behauptet, daß dies in der Realität immer der Fall ist. Im Gegenteil: die Löhne können auch der Inflation vorauseilen und damit selbst zur Ursache von Preissteigerungen sein.

Ein "Nachhinken" der Lohnentwicklung hinter der Preisentwicklung ist in der Realität vor allem dann zu beobachten, wenn sich die Inflation permanent beschleunigt ("akzelerierende Inflation") und sie daher von den Wirtschaftssubjekten nicht mehr genau prognostiziert werden kann.

Gelingt es den Gewerkschaften dagegen, die Preiserhöhungen erfolgreich zum Bestandteil ihrer Lohnforderungen zu machen (faktisch handelt es sich hierbei um eine sog. "Lohn-Indexierung", also um die Anpassung der Lohneinkommen an einen Inflationsindex), so wird die Last der Inflation erfolgreich auf andere gesellschaftliche Gruppen abgewälzt.

2.2.2 Die Transfereinkommens-Lag-Hypothese

In der Realität ist vielfach zu beobachten, daß Transferzahlungen, das sind staatliche Sozialleistungen an private Haushalte (wie Wohnungsgeld, Kindergeld, Rentenzahlungen u. a. m.), nicht im gleichen Maße erhöht werden, wie die Preise steigen. Die Folge ist, daß die reale Kaufkraft dieser Einkommensbezieher sinkt.

2.2.3 Der Staat als Inflationsgewinner

Im Steuerrecht gilt das Prinzip "Mark ist gleich Mark", d. h. der Staat geht davon aus, daß eine Einkommenssteigerung von z. B. 100.- DM bei dem betreffenden Einkommensbezieher eine entsprechende reale Kaufkrafterhöhung darstellt. Das ist jedoch nur in einer inflationsfreien Wirtschaft zutreffend. Ist das Steuersystem progressiv (Beispiel: Lohn- und Einkommensteuer), so führt dieses Prinzip dazu, daß infolge der Progression höhere Einkommen auch mit einem höheren Steuersatz belegt werden. Sind die Einkommenssteigerungen lediglich Ausgleich für Preissteigerungen, lag also gar keine reale Kaufkrafterhöhung vor, so bedeutet dies, daß die Steuerbelastung absolut und prozentual steigt. Der Staat ist folglich Inflationsgewinner, die Steuerzahler sind Inflationsverlierer. Das ist auch eine Erklärung dafür, warum es den Finanzministern vielfach schwer fällt, eine Politik der Inflationsbekämpfung konsequent zu unterstützen - die Folge wären ja erst einmal langsamer wachsende Steuereinnahmen.

In einer inflatorischen Wirtschaft sind folglich permanente Steuerreformen erforderlich, wenn dieser heimliche Progressionseffekt verhindert werden soll. Oder es müßte in den Steuertarif eine Inflationsgleitklausel eingebaut werden; faktisch käme dies einer Indexierung des Besteuerungssystems gleich.

Für den Staat können sich allerdings inflationsbedingte Steuermehraufkommen als Pyrrhus-Sieg erweisen. Der Staat ist nämlich ein teurer "Dienstleistungsbetrieb". Im Inflationsprozeß fordern auch die öffentlichen Bediensteten höhere Einkommen. Zudem steigen die Preise vom Staat in Auftrag gegebenen Infrastrukturinvestitionen (Tief- und Hochbau). Die inflationsbedingten (heimlichen) Steuermehreinnahmen reichen dann möglicherweise gerade aus, um die gleiche Zahl öffentlicher Bediensteter oder das gleiche Bauvolumen zu finanzieren. Nach Auffassung des Sachverständigenrates ist der Staat unter dem Strich Inflationsverlierer. Eine inflationäre Wirtschaftspolitik lohnt sich dann aber weder für die Privaten noch für den Staat.

2.2.4 Die Gläubiger-Schuldner-Hypothese

Die Gläubiger-Schuldner-Hypothese wurde indirekt bereits angesprochen. Die Inflation berührt das Finanzvermögen (Bankguthaben, Obligationen u.s.w.) und das Sachvermögen (Häuser, Grundstücke u.s.w.) in unterschiedlicher Weise. Ob und inwieweit Gläubiger (Sparer) im Inflationsprozeß zu den Inflationsverlierern gehören, hängt insbesondere von der Höhe der Verzinsung der Geldvermögensanlagen ab. Ist der Zinssatz niedriger als die Inflationsrate, so ist die Realverzinsung negativ. Sparer sind dann eindeutig Inflationsverlierer, Schuldner die Inflationsgewinner. Doch selbst dann, wenn die Verzinsung gerade gleich der Inflationsrate ist, zählen die Gläubiger zu den Inflationsverlierern und die Schuldner zu den Inflationsgewinnern. Die Realverzinsung ist dann ja gerade Null, d. h. ein Entgelt für den Konsumverzicht (Realzins) fällt nicht an. Für den Schuldner ergeben sich zudem dann Vorteile, wenn - wie üblich - die Höhe der zu tilgenden Schuld in Form eines festen Geldbetrages fixiert ist. Im Inflationsprozeß wird diese Schuld real laufend geringer.

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In der Realität ist zu beobachten, daß die Realverzinsung regelmäßig dann besonders niedrig ist, wenn die Inflationsrate hoch ist, und zwar ungeachtet des Tatbestandes, daß zur Zeit hoher Inflationsraten üblicherweise auch die Nominalzinsen hoch sind. Zu Zeiten scheinbar niedriger Zinsen (Beispiel: 1986, 1987) sind dagegen normalerweise die Realzinsen überdurchschnittlich hoch.

Gerade mit Blick auf die niedrig verzinslichen Sparbücher des typischen "kleinen Mannes" erweist sich unter Verteilungsgesichtspunkten die Inflation somit als im höchsten Maße ungerecht. "Reiche" werden immer reicher, "Arme" immer ärmer. Insoweit ist eine konsequente Antiinflationspolitik die zugleich die beste Sozialpolitik.

2.3 Beeinträchtigung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit

Bisher wurden nur binnenwirtschaftliche Auswirkungen der Inflation betrachtet. Bezieht man das Ausland ein, so tritt eine weitere negative Auswirkung von Preisniveausteigerungen in Erscheinung. Infolge der steigenden inländischen Güterpreise sinkt nämlich die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaft. Das ist jedenfalls dann der Fall, wenn die Preise im Inland schneller als im Ausland steigen und die Wechselkurse stabil gehalten werden. Die Ausländer müssen dann bei den gegebenen Umtauschkursen mehr für deutsche Waren und Dienstleistungen bezahlen.

Gerade für die Bundesrepublik Deutschland spielte in der Vergangenheit die positive Wirkung der (relativen) Preisniveaustabilität eine erhebliche Rolle. Sie förderte die Nachfrage des Auslandes nach deutschen Produkten und erhöhte im Inland Wachstum und Beschäftigung. Allerdings gilt es zu beachten, daß Erfolge im Exportgeschäft nicht allein preisbedingter Natur sind. Zudem ist zu betonen, daß bei flexiblen Wechselkursen der "Wettbewerbsvorteil" eines stabilen Preisniveaus infolge der Aufwertung der heimischen Währung rasch verloren gehen kann.

2.4 Neutralisierung der negativen Inflationseffekte durch Indexierung ?

Verschiedentlich wird die Empfehlung gegeben, es mit der Inflationsbekämpfung nicht gar zu ernst zu nehmen und statt dessen die negativen Umverteilungseffekte durch Indexklauseln zu neutralisieren. Ein Beispiel ist die Lohnindexierung; hierunter versteht man die Koppelung der Lohnsätze an einen Preisindex. Eine derartige Lohnindexierung wurde z. B. in Italien bis vor kurzem mit der "scala mobile" praktiziert. Andere Indexierungen sind denkbar (Indexierung von Mieten und Zinsen, Indexierung der Einnahmen und Ausgaben des Staates, Indexierung des Steuersystems usw.).

Mit Indexklauseln werden nicht die Ursachen der Inflation bekämpft, sondern es wird eine reine Symptomtherapie betrieben. Eine umfassende Indexierung sämtlicher relevanter Einkommenskategorien dürfte zudem kaum möglich sein. Insofern werden immer noch Inflationsverlierer verbleiben. Generell besteht bei Indexierung die Gefahr, daß die Widerstände gegen Inflation geringer werden. Inflatorische Verhaltensweisen (z. B. eine exzessive staatliche Ausgabenpolitik) werden kaschiert, da die Einkommen in jedem Fall mit der Inflationsrate steigen. Die Folge des inflatorischen Klimas wird ein Zunahme der Inflationsraten sein. Letztlich besteht bei Indexierung sogar die Gefahr einer sich immer mehr beschleunigenden "Hyperinflation" mit den beschriebenen langfristig negativen Allokations-, Wachstums- und Beschäftigungseffekten.

3 Systematik der Inflationsursachen

Von den Ursachen her gesehen wird Inflation üblicherweise in die Kategorien "Nachfrageinflation" einerseits und "Angebotsinflation" andererseits klassifiziert. Diese Einteilung stellt darauf ab, welche gesellschaftliche Gruppe für die Preissteigerungen verantwortlich gemacht wird: die Käufer (Nachfrageinflation) oder die Verkäufer (Angebotsinflation). Insbesondere die Angebotsinflation ist Folge von Verteilungskämpfen um das begrenzte Realeinkommen. Übersteigt die Summe der Einkommensforderungen die realen Möglichkeiten, so erfolgt der Ausgleich über steigende Preise; der Sachverhalt wird daher auch als "Verteilungskampfinflation" bezeichnet.

Jede Inflation ist zudem immer auch ein monetäres Phänomen: Sie setzt eine entsprechende Ausweitung der Geldmenge voraus. Als weiterer Inflationstypus ist daher die "Geldmengeninflation" (sog. quantitätstheoretischer Erklärungsansatz) zu erwähnen. Die Geldmenge "schwebt" sozusagen über dem Nachfrage- und Angebotsverhalten.

Inflationsursachen

I Nachfrageinflation

II Angebotsinflation

Hausgemachte
Nachfrage-
inflation

Importierte
Nachfrage-
inflation

Kostendruck-
inflation

Marktmacht-
inflation
(Gewinndruck-
inflation)

  • Konsum-
    nachfrage-
    inflation
  • Investitions-
    nachfrage-
    inflation
  • Staatsn-
    achfrage-
    inflation
  • Export-
    nachfrage-
    inflation
  • Lohnkosten-
    inflation
  • Kapitalkosten-
    inflation
  • Kostensteuer-
    inflation
  • importierte Kosteninflation
  • marktbeherr-
    schende
    Unternehmen
  • Kartelle

Verteilungskampfinflation


III Geldmengeninflation
(quantitätstheoretischer Erklärungsansatz)

Quelle: Jürgen Pätzold: Stabilsierungspolitik. Grundlagen der nachfrage- und angebotsorientierten Wirtschaftspolitik, 6. Aufl., Paul Haupt Verlag, Bern - Stuttgart - Wien 1998 (kann hier direkt bestellt weden)

4 Nachfrageinflation und ihre Bekämpfung

"Die Preissteigerungsrate ist konjunkturabgängig; aber der Zyklus der Preise folgt dem Konjunkturzyklus in deutlichem zeitlichen Abstand." (H. Giersch)

4.1 Inflation im Konjunkturverlauf

Inflation ist einerseits ein typisch konjunkturelles Phänomen. Die Inflationsraten sind relativ hoch in der Hochkonjunktur, sie sind gering in der Rezession. Übersteigt in der Hochkonjunktur die Nachfrage nach Waren und Diensten die volkswirtschaftlichen Produktionskapazitäten (sog. Produktionspotential), so sind Preissteigerungen die unausweichliche Folge. Die Nachfrage "zieht" quasi die Preise in die Höhe. Diese Inflationsart wird daher auch als "demand-pull-inflation", oder als "Nachfragesog" bzw. als "inflatorische Lücke" bezeichnet. Da es sich dabei um das Spiegelbild zur "konjunkturellen Arbeitslosigkeit" handelt, kann dieser Typus auch als "konjunkturelle Inflation" bezeichnet werden.

Die gesamtwirtschaftliche (End-)Nachfrage YN setzt sich aus folgenden Nachfragekomponenten zusammen:

Es gilt daher:

YN = CprH + IbrprU + ASt + Ex - Im

Der Sachverhalt der Nachfrageinflation ist in der nachstehenden Graphik "Inflation im Konjunkturverlauf" schematisch dargestellt: Ein Nachfrageanstieg führt in der Rezession (t0) zu einem Hineinwachsen in die vorhandenen Kapazitäten bei noch relativ stabilem Preisniveau. Je mehr sich die Wirtschaft der "Vollauslastung" der Kapazitäten nähert (t1), um so mehr werden gleichzeitig auch die Preise "in die Höhe gezogen". Wächst die gesamtwirtschaftliche Nachfrage ausgehend von einer Vollauslastungssituation (t1) stärker, als die Produktionskapazitäten ausgeweitet werden können, so öffnet sich eine "inflatorische Lücke" (Nachfrage > Angebot) mit entsprechenden "Preissteigerungen". Die Volkswirtschaft kann real, also ohne Inflation, nur maximal innerhalb der vorhandenen Kapazitäten wachsen.

Der Sachverhalt läßt sich auch mit Hilfe einer gesamtwirtschaftlichen Angebotsfunktion (A) und einer gesamtwirtschaftlichen Nachfragefunktion (N) darstellen. In der nachstehenden Graphik hat die Nachfragefunktion den üblichen negativ geneigten Verlauf. Hinsichtlich des Verlaufs der Angebotsfunktion wird angenommen, daß bei geringer Auslastung (a = Auslastungsgrad) der Kapazitäten (Situation t0 in der Graphik "Inflation im Kunjunkturverlauf") eine Erhöhung der Nachfrage noch zu keiner Steigerung des Preisniveaus (P) führt (völlig unelastischer Teil der Angebotsfunktion). Je mehr die Nachfrage steigt, um so stärker werden die Kapazitäten ausgelastet. Die zunehmenden Engpässe führen dazu, daß die Preise in den hoch ausgelasteten Wirtschaftszweigen steigen. In diesem Übergangsbereich steigt also die Produktion noch an; gleichzeitig steigt aber auch das Preisniveau. Ab Erreichen der Vollauslastungsgrenze (Situation t1 in der Graphik "Inflation im Kunjunkturverlauf") treibt jede Nachfragesteigerung nur noch die Preise in die Höhe, da die Wirtschaft real nicht mehr wachsen kann.

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Wie erwähnt, setzt sich die gesamtwirtschaftliche Endnachfrage aus den Komponenten "Verbrauchsnachfrage der privaten Haushalte", "Investitionsnachfrage der privaten Unternehmen", "Staatsausgaben" und "Außenbeitrag" zusammen. Besteht die Ursache der zu hohen Nachfrage in einer zu großen binnenwirtschaftlichen Nachfrage (Verbrauch, Investition und Staatsausgaben), so kann man von

(1) hausgemachter Nachfrageinflation, andernfalls von

(2) importierter Nachfrageinflation

sprechen. Am bekanntesten sind die hausgemachte "Staatsnachfrageinflation" und die "importierte Nachfrageinflation". Der theoretische Zusammenhang zwischen Konjunkturverlauf und Inflation läßt sich auch empirisch belegen. Die nachstehende Graphik läßt erkennen, daß die Inflation sich weitgehend parallel mit dem Konjunkturzyklus entwickelt.

Die Inflation folgt der Nachfrageentwicklung in der Realität allerdings zeitlich verzögert. (In der obigen Graphik wurde eine Verzögerung von zwei Jahren angenommen). Das bedeutet, daß in der Hochkonjunktur, also der Phase der hohen Auslastung der volkswirtschaftlichen Produktionskapazitäten, die Inflationsrate noch nicht ihren Gipfelpunkt erreicht. Die Folge ist möglicherweise eine Unterschätzung des inflatorischen Risikos. Außerdem hängt die beobachtbare Inflationsrate nicht nur von der Nachfrageentwicklung, sondern auch von anderen Einflüssen (beispielsweise von der Preisentwicklung importierter Rohstoffe oder von der Lohnentwicklung) ab. Der inflatorische Effekt eines Nachfrageüberhangs kann also beispielsweise durch sinkende (Öl-)Importpreise verdeckt werden. Diese Situation lag 1986 vor. Die damalige importierte Kostenentlastung war mit eine wesentliche Ursache dafür, daß die Inflationsrate 1986 erstmals seit 1953 wieder ein negatives Vorzeichen ( - 0,2 Prozent) aufwies.

zu (1) Hausgemachte Nachfrageinflation

In praktisch allen Ländern, in denen sehr hohe Inflationsraten zu beobachten sind, geht die Inflation regelmäßig auf eine unsolide Ausgabenpolitik des Staates zurück. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf die extrem hohen Inflationsraten in lateinamerikanischen Staaten. Inflationsbekämpfung heißt daher in diesen Ländern vor allem Drosselung der Staatsausgabenentwicklung. Die Finanzierung einer derartigen "hausgemachten" Staatsnachfrageinflation stellt dann kein Problem dar, wenn die Zentralbank von der Regierung abhängig ist - und das ist international in der Mehrzahl der Länder der Fall. Die Finanzierung der Staatsausgaben erfolgt dann schlicht über die "Notenpresse", also über Geldschöpfung. Eine unabhängige Notenbank ist daher eine zentrale Voraussetzung für die Verhinderung von Staatsnachfrageinflation.

Für die Verhältnisse der Bundesrepublik Deutschland ist Staatsnachfrageinflation kaum ein Thema. Die Deutsche Bundesbank ist gemäß §12 Bundesbankgesetz von Weisungen der Regierung unabhängig. Sie ist insbesondere nicht verpflichtet, Haushaltsdefizite per Geldschöpfung zu finanzieren. Im Gegenteil: die Verschuldungsmöglichkeiten der öffentlichen Hände bei der Deutschen Bundesbank waren schon immer ausgesprochen eng bemessen; zum 01.01.1994 wurde mit Inkrafttreten des Vertrages von Maastricht sogar das Kreditlimit für den Staat auf Null begrenzt. Aber auch vor 1994 konnten Bund und Länder lediglich vorübergehend kurzfristige Kassendefizite bei der Bundesbank im Rahmen eines sehr eng umrissenen Kreditrahmens aufnehmen. Der sehr eng bemessene Zugang des Staates zur Notenpresse schließt allerdings nicht völlig aus, daß kurzfristig nicht doch hausgemachte Staatsnachfrageinflation entstehen kann. Denn einerseits ist die Geldmengenentwicklung seitens der Bundesbank nicht hundertprozentig kontrollierbar, und zwar u. a. deshalb, weil nicht nur die Notenbank, sondern auch die Geschäftsbanken (über den Mechanismus der Giralgeldschöpfung) "Geld" schöpfen, womit eine hohe Nachfrage im Boom finanziert werden kann. Zudem kann eine vermehrte Nachfrage auch über einen Anstieg der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes finanziert werden.

Es ist immer wieder vorgekommen, daß auch "unabhängige" Zentralbanken im Strudel der Inflationsmentalität mitgerissen werden. Eine derartige "akkommodierende Geldpolitik" vermeidet zwar kurzfristig einen kontraktiven Kurs - allerdings um den Preis zunehmender Inflationsraten. Diese höhere Inflation kann dann später jedoch nur unter Inkaufnahme einer um so schmerzlicheren Stabilisierungskrise wieder gedrosselt werden. Es spricht demnach viel dafür, Inflation von vornherein gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Hausgemachte Nachfrageinflation war in der Bundesrepublik Deutschland bisher immer nur ein Randproblem, und zwar deshalb, weil es der Geldpolitik letztlich doch gelungen ist, die Geldmengenentwicklung im Zaum zu halten und damit die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu zügeln. Schwerwiegender war und ist das Problem der importierten Nachfrageinflation.

zu (2) Importierte Nachfrageinflation

Im Ausland wird in der Regel eine weniger stabilitätsgerechte Geld-, Finanz- und Lohnpolitik betrieben als in der Bundesrepublik. Die Inflationsraten sind dort regelmäßig höher als im Inland. Folge dieser relativen Preisniveaustabilität in der Bundesrepublik Deutschland ist, daß die deutschen Exporte steigen und die Importe aus dem Ausland stagnieren. Der zunehmende Exportüberschuß ist beschäftigungspolitisch positiv zu bewerten. Übersteigt jedoch die Auslandsnachfrage die Produktionsmöglichkeiten der heimischen Exportwirtschaft, so steigen im Inland die Preise. Diese Wirtschaftszweige erzielen höhere Gewinne und sind folglich in der Lage, den in diesen Wirtschaftszweigen beschäftigten Arbeitnehmern höhere Löhne zu zahlen. Der Prozeß von steigenden Preisen und Löhnen pflanzt sich in die übrigen Wirtschaftszweige fort, so daß es zu einem allgemeinen Anstieg des Preisniveaus kommt - die höhere Inflationsrate des Auslandes wird folglich in das Inland hereingetragen ("importierte Nachfrageinflation"). Ob und wann dieser Prozeß der importierten Nachfrageinflation zum Stillstand kommt, hängt nicht nur von der weiteren Inflationsentwicklung im Ausland ab, sondern vor allem auch von der Ausgestaltung der Währungsbeziehungen mit dem Ausland. Haben die Regierungen untereinander für ihre Währungen relativ feste Wechselkurse vereinbart, so ist die heimische Zentralbank verpflichtet, die über das Exportgeschäft "überschüssig" verdienten Devisen aus dem Markt zu nehmen ("Stützungskäufe"). Im internationalen Währungssystem von "Bretton Woods" (1944 - 1973) hatten sich die beteiligten Länder verpflichtet, die Wechselkurse innerhalb bestimmter Bandbreiten zu stabilisieren. Im gegenwärtigen "Europäischen Währungssystem" (EWS) besteht diese Verpflichtung weiterhin. Die Devisenkäufe haben allerdings zur Konsequenz, daß die heimische Geldmenge steigt, was die Inflation antreibt.

Daraus folgt: in einem Währungssystem mit festen Wechselkursen geht ein Anstieg des Exportüberschusses automatisch, nämlich über hierdurch in Gang gesetzte Interventionen am Devisenmarkt mit einer entsprechenden Erhöhung der Geldmenge einher. Die Notenbank ist ins Schlepptau der Exportentwicklung geraten. Der Prozeß kommt erst dann zum Stillstand, wenn die Unterschiede zwischen den Inflationsraten der Länder weitgehend beseitigt sind. Hieraus folgt auch, daß in einem internationalen Währungssystem mit festen Wechselkursen die beteiligten Länder nicht unbegrenzt eine an nationalen Zielen orientierte Wirtschaftspolitik betreiben können. Entweder herrscht überall Inflation oder es herrscht überall Preisniveaustabilität. Ein dauerhaftes Abkoppeln der Entwicklung im Inland von der des Auslandes ist bei festen Wechselkursen nicht möglich. Eine derartige Harmonisierung der wirtschaftlichen Entwicklungen über die Konstruktion des Währungssystems ist in der Europäischen Gemeinschaft geradezu erwünscht. Der Gleichlauf der Entwicklung sollte allerdings auf möglichst niedrigem Inflationsniveau erfolgen.

Im System flexibler Wechselkurse kommt es dagegen kaum zu permanenten außenwirtschaftlichen Ungleichgewichten, also auch zu keiner importierten Nachfrageinflation. Steigt nämlich die Exportnachfrage, werden also im Exportgeschäft mehr Devisen verdient, so treten diese Devisen am Devisenmarkt als Angebot in Erscheinung. Übersteigt das Devisenangebot der Exporteure die Devisennachfrage der Importeure, so fällt der Preis dieser Devise, sie wird also abgewertet bzw. die heimische Währung wird gegenüber der betreffenden Währung aufgewertet. Die Aufwertung der DM drosselt den Export und regt den Import an. Der Wechselkursmechanismus führt also automatisch zu einem Ausgleich der außenwirtschaftlichen Ströme und zur Verhinderung einer importierten Inflation.

Hinreichend anpassungsfähige Wechselkurse sind folglich eine zentrale außenwirtschaftliche Voraussetzung für die Verhinderung importierter Inflation. Dort, wo - wie im Europäischen Währungssystem - feste Wechselkurse politisch als Vorstufe für eine einheitliche Europäische Währungsunion erwünscht sind, ist deshalb die Harmonisierung der Wirtschaftspolitik auf niedrigem Inflationsniveau unabdingbar.

Grafische Darstellung der Nachfrageinflation in einem Preis-Mengen-Diagramm

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.4.2 Bekämpfung der Nachfrageinflation

Die Ansätze zur Bekämpfung der Nachfrageinflation wurden zum Teil bereits bei der Darstellung der Ursachen erwähnt. Das generelle Ziel besteht darin, die Nachfrage in der Hochkonjunktur durch kontraktive Maßnahmen zu drosseln.

Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage kann mehr oder weniger direkt (Beispiel: Senkung der staatlichen Ausgaben) oder aber indirekt (Beispiel: Erhöhung der Steuersätze oder des Zinsniveaus mit dem Ziel der Drosselung der privaten Konsum- und Investitionstätigkeit) beeinflußt werden. Für eine derartige antizyklische Steuerung der Nachfrage ("demand management") plädieren Keynesianer. In Betracht kommen:

4.2.1 Kontraktive Fiskalpolitik von Bund und Ländern

Im Bereich der Fiskalpolitik eröffnet das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz (StWG) seit 1967 der Bundesregierung und den Regierungen der Länder die Möglichkeit, haushaltspolitische Instrumente mit dem Ziel einzusetzen, die wirtschaftliche Entwicklung im gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht zu halten. Da die Instrumente bereits im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz rechtlich verankert sind, bedarf es keines langwierigen Gesetzgebungsverfahrens mehr (erste, zweite und dritte Lesung), um die Maßnahmen auf den Weg zu bringen. Selbstverständlich können auch andere geeignete Instrumente, die nicht im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz vorgesehen sind, zum Einsatz kommen; dann ist allerdings der normale, gegebenenfalls zeitraubende Gesetzgebungsweg einzuhalten. Graphisch gesprochen besteht das Ziel darin, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage so weit zu drosseln, daß in der obigen Inflationsdarstellung ("Inflation in einem Nachfrage- Angebotsdiagramm"), die gesamtwirtschaftliche Nachfrage so weit nach links verschoben wird, daß sie die Angebotskurve im Bereich der "Normalauslastung" (a*) schneidet. Nach Auffassung des Sachverständigenrates herrscht bei einem Auslastungsgrad des Produktionspotentials von 96,5 Prozent Normalauslastung.

Beispiele sind:

Gemäß § 6 StWG hat der Bundesfinanzminister das Recht, "im Fall einer die volkswirtschaftliche Leistungsfähigkeit überschreitenden Nachfrageausweitung" durch das Parlament beschlossene Ausgaben zeitlich zu verzögern bzw. die Verausgabung der Mittel ganz oder teilweise zu streichen.

Zur Drosselung der Konsum- und Investitionsausgaben der Privaten Haushalte und der Privaten Unternehmen können gemäß § 26 und § 27 StWG "Zuschläge zur Einkommen- und Körperschaftsteuer" erhoben werden (maximal 10 Prozent für höchstens ein Jahr). Zudem kann die Inanspruchnahme beschleunigter "Abschreibungsmöglichkeiten" (degressive Abschreibung) bzw. die Inanspruchnahme von Sonderabschreibungen (z. B. die Sonderabschreibung gemäß § 10e Einkommensteuergesetz für den privaten Wohnungsbau) ausgesetzt werden. Das Ziel besteht hierbei vor allem darin, die "Investitionsnachfrage" (insbesondere die Bautätigkeit) zu "drosseln". In der Hochkonjunktur Anfang der 70er Jahre wurden derartige "Konjunkturzuschläge" zur Einkommen- und Körperschaftsteuer erhoben und die Abschreibungsmöglichkeiten verschlechtert.

Werden in der Hochkonjunktur die Staatsausgaben reduziert, so verringert sich der Verschuldungsbedarf des Staates, gegebenenfalls entstehen sogar Budgetüberschüsse. Werden die Steuersätze erhöht bzw. die Abschreibungsmöglichkeiten verschlechtert, so gilt entsprechendes. Die sich aus diesen Maßnahmen ergebenden Mehreinnahmen sind in einer sog. "Konjunkturausgleichsrücklage" (KAR) bei der Bundesbank stillzulegen. Diese Rücklage sollte dann erst in der nächsten Rezession wieder aufgelöst werden.

Die Erfolgsaussichten einer kontraktiven Fiskalpolitik sind allerdings nicht besonders günstig. Das liegt weniger daran, daß die Instrumente nicht greifen würden. Das Hauptproblem der Fiskalpolitik ist vielmehr die mangelnde politische Durchsetzbarkeit kontraktiver Maßnahmen. Ausgabenkürzungen bedeuten in der Regel eine Verschlechterung der öffentlichen Leistungen und/oder die Kürzung von Sozialleistungen. Widerstände der Betroffenen sind vorprogrammiert. Ebenso stoßen Steuererhöhungen zum Zweck der Bremsung der Hochkonjunktur auf Widerstände in der Bevölkerung. Eine auf Wiederwahlchancen bedachte Regierung wird im Zweifel auf die vielschichtigen Widerstände und Proteste Rücksichtnahmen und ihre kontraktiven Maßnahmen zeitlich verzögern, sie verwässern oder auf die Maßnahmen völlig verzichten.

4.2.2 Kontraktive Geldpolitik der Zentralbank

Geldpolitisch kommt der Einsatz des gesamten Arsenals der Instrumente der Deutschen Bundesbank in Betracht. Keynesianer plädieren im Boom für den kontraktiven Einsatz der Geldpolitik. Das Ziel besteht darin, über eine Politik des knappen und teuren Geldes (Liquiditätsverknappung, Zinserhöhung) die Nachfrage (insbesondere die private Investitionstätigkeit) zu drosseln. Soweit die Konsumnachfrage zinsabhängig ist, unterliegt auch sie dem Einfluß der Geldpolitik. Dagegen gelten kreditfinanzierte Staatsausgaben als vergleichsweise zinsrobust.

Auch bei einer kontraktiven Geldpolitik sind verschiedene Wirkungsgrenzen zu beachten. Zunächst ist die Bremswirkung auf vermeintlich zinsabhängige Nachfrageaggregate nicht gesichert. Sind im Boom die Auftragsbücher der Unternehmen voll und die Zukunftserwartungen günstig, so "schlucken" die Unternehmen im Zweifel die höheren Finanzierungskosten und investieren trotzdem. Ein weiteres Problem stellt das sog. elastische Bankensystem dar. Sofern die Geschäftsbanken über ausreichende Liquidität verfügen, sind sie auch ohne Hilfe der Zentralbank in der Lage, ihre Kredittätigkeit auszuweiten und eine hohe Kreditnachfrage zu befriedigen. Außerdem können inländische Kreditnehmer auf ausländische Kredite zurückgreifen. Generell äußern sich die Wirkungsgrenzen der Geldpolitik in langen time lags, die sogar dazu führen können, daß eine nachfolgende Rezession noch weiter verschärft wird.

4.2.3 Außenwirtschaftspolitische Maßnahmen

Die Möglichkeiten, die Entwicklung des Außenbeitrages wirkungsvoll zu beeinflussen, sind beschränkt. In einem internationalen oder europäischen Währungssystem mit festen Wechselkursen käme gegebenenfalls eine Aufwertung der heimischen Währung in Betracht (z. B. Aufwertung gegenüber anderen europäischen Währungen). Hierdurch würden die Exportnachfrage gedämpft und der Import angeregt. In die gleiche Richtung zielt auch der Abbau von Importhemmnissen. Mit Widerständen seitens der Exportwirtschaft und seitens jener Branchen, die durch die Importkonkurrenz bedroht sind, ist zu rechnen. Gerade im Europäischen Währungssystem sind allerdings Veränderungen der Wechselkurse unerwünscht. Das Ziel besteht ja gerade darin, die Schwankungsmargen immer weiter zu verringern und die nationalen Währungen letztlich durch eine neue europäische Währung (Euro) zu ersetzen.

Die "Erfolgsaussichten" einer kontraktiven Konjunkturpolitik sind insgesamt äußerst "ungünstig". Erfolgversprechender als von Fall zu Fall kontraktiv einzugreifen, ist eine Wirtschaftspolitik, die darauf abzielt, durch eine stetige und stabilitätsgerechte Gestaltung der Geld- und Finanzpolitik inflationäre Entwicklungen gar nicht erst aufkommen zu lassen. Wenn die Inflation einmal in Gang gekommen ist, wenn "das Kind also schon in den Brunnen gefallen ist", dann braucht es erhebliches politisches Standvermögen, um die entstandene Inflationsmentalität zu brechen. Für eine derartige verstetigte Wirtschaftspolitik treten vor allem "Monetaristen" und Neoklassiker ein.

5 Angebotsinflation und ihre Bekämpfung

5.1 Inflation und Verteilungskampf

Wie bereits eingangs erwähnt, ist Inflation letztlich ein gesellschaftliches Phänomen. Sie geht auf den Versuch einzelner Individuen oder mächtiger gesellschaftlicher Gruppen zurück, den eigenen Anteil an der gesamtwirtschaftlichen Produktion (am realen Sozialprodukt bzw. Volkseinkommen) auf Kosten anderer zu erhöhen. Übersteigt die Summe der Einkommensforderungen die realen Produktionsmöglichkeiten, so erfolgt der Ausgleich über steigende Preise. Dieser Inflationstypus wird auch als "Verteilungskampfinflation", häufiger noch als "Angebotsinflation" bezeichnet. Voraussetzung für die Existenz eines so erklärten Inflationsprozesses ist, daß

  1. die Einkommensforderungen mit Macht, z. B. gewerkschaftlicher Organisationsmacht (Lohnkosteninflation) und/oder unternehmerischer Kartell- und Monopolmacht ("Marktmachtinflation") durchgesetzt werden,
  2. die Einkommensforderungen über eine Ausweitung der Geldmenge "monetär alimentiert" werden. Ohne Geldmengensteigerung ist Inflation auf Dauer nicht möglich.

 

Abbildung: Angebotsinflation mit induzierten Nachfrageeffekten

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Angebotsinflation kann sowohl in der Hochkonjunktur als auch in der Rezession auftreten. Die Erfahrung hat nämlich gezeigt, daß Inflation nicht nur in der Hochkonjunktur zu beobachten ist und insoweit nachfrageseitig erklärbar wäre, sondern auch in der Rezession. Das gleichzeitige Auftreten von Rezession bzw. Stagnation (und damit Arbeitslosigkeit) und von Inflation wird auch als Stagflation bezeichnet. Stagflationäre Entwicklungen wurden insbesondere in den 70er Jahren beobachtet. Da jedoch in der Rezession die Nachfrage stagniert, kann die Inflation in dieser Konjunkturphase nicht auf eine "zu große" Nachfrage zurückgeführt werden. Die Ursachen der Preisniveausteigerung müssen in dieser Situation auf der "Angebotsseite" liegen bzw. bei den mit "Macht" ausgetragenen "Verteilungskämpfen "gesucht werden.

5.2 Kostendruckinflation

Der bekannteste Fall der Angebotsinflation ist die Kosteninflation und hier wiederum die Lohnkosteninflation. Steigen die Kosten schneller als die Kosteneinsparungsmöglichkeiten durch Rationalisierung (Produktivitätsfortschritt), so erhöhen sich die Stückkosten der Produktion. Die Unternehmer werden versuchen, diese erhöhten Stückkosten über die Produktpreise auf die Kunden abzuwälzen; es werden also, bildlich gesprochen, neue Preislisten gedruckt. Gelingt die Überwälzung, so steigt (kostenbedingt) das Preisniveau.

Die Produktionskosten setzen sich aus folgenden Faktoren zusammen:

Einen besonderen Stellenwert nehmen in diesem Zusammenhang die "Lohnkosten" und die importierten Kostenbelastungen (erinnert sei an die Verteuerung importierter Rohstoffe im Zuge der ersten und zweiten Ölkrise) ein. Im folgenden soll zuerst der Frage nachgegangen werden, welche Lohnentwicklung als "inflatorisch" bzw. welche Lohneigerungsrate als "stabilitätsgerecht" gelten kann. (Von Veränderungen weiterer Kostenfaktoren wird vorerst abgesehen.)

5.2.1 Lohnkosteninflation

Ein Anstieg der Lohnsätze (jeweils inklusive Lohnnebenkosten) kommt einer Verteuerung des Produktionsfaktors Arbeit gleich. Das bedeutet nun jedoch keineswegs, daß jede Erhöhung der Stundenlöhne auch Anlaß sein müßte, die Produktpreise zu erhöhen. Den Lohnkostensteigerungen stehen nämlich normalerweise Kosteneinsparungen durch Rationalisierung gegenüber. Im Zuge der Rationalisierung steigt die Arbeitsproduktivität. Bei der Arbeitsproduktivität wird der Output, z. B. die Produktion eines Wirtschaftszweigs oder die gesamtwirtschaftliche Produktion, auf einen Inputfaktor, hier den Arbeitskräfteeinsatz, bezogen. Wird der Arbeitskräfteeinsatz in Personen gemessen, so erhält man die Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigen (pA):

BIP kennzeichnet das reale Bruttoinlandsprodukt und A die Zahl der Arbeitskräfte.

In Wachstumsraten geschrieben folgt:

Hinweis: Aus einer Multiplikation wird bei der Umformung in Wachstumsraten eine Addition, aus einer Division eine Subtraktion).

Steigt die Arbeitsproduktivität z. B. um 3 Prozent (wp = 0,3), so folgen daraus prinzipiell zwei Möglichkeiten:

In beiden Fällen sinken die Kosten je Stück. Produktivitätssteigerungen kommen folglich Stückkostensenkungen gleich. Bei Konstanz der übrigen Kostenfaktoren bedeutet dies, daß die Lohnstückkosten sinken. Im Ausmaß dieser rationalisierungsbedingten Kosteneinsparung können mithin die Lohnsätze steigen, ohne daß dies negative Auswirkungen auf die Lohnstückkosten hätte. Produktivitätsorientierte Lohnsteigerungen sind also kostenneutral. Das bedeutet: Bei einem Produktivitätsfortschritt von 3 Prozent ist eine Lohnsteigerung von ebenfalls 3 Prozent stabilitätsgerecht. Lohnsteigerungen, die über den Produktivitätsfortschritt hinausgehen, wirken dagegen inflatorisch; das gilt zumindest dann, wenn es den Unternehmen gelingt, den produktivitätsüberschreitenden Teil der Lohnerhöhungen in die Preise einzukalkulieren.

Gelingt die Überwälzung der Lohnerhöhung in die Preise, so ist für die Arbeitnehmer nicht viel gewonnen. Der Arbeitnehmer hat zwar, bildlich gesprochen, eine dickere Brieftasche, er kann sich aber hierfür infolge der Verteuerung der Waren und Dienstleistungen real nicht mehr kaufen; der Reallohn bleibt also unverändert. Diese Aussage gilt natürlich nur für denjenigen Teil der Lohnsteigerungen, der über den Zuwachs der Arbeitsproduktivität (wpA) hinausgeht. Der produktivitätsorientierte Teil der Lohnerhöhungen steigert dagegen sehr wohl den realen Lebensstandard der Arbeitnehmer.

Produktivitätsorientierte Lohnpolitik

wl = wpA

Die Überwälzung desjenigen Teils der Lohnerhöhungen, der den Produktivitätsfortschritt übersteigt, ist für die Unternehmen ein Mittel, den Umverteilungsangriff der Gewerkschaften auf die Gewinne abzuwehren. Gelingt die Überwälzung allerdings nicht bzw. nicht vollständig, so sinken die Gewinne. Die Lohnquote, also der Anteil der Löhne am Volkseinkommen, steigt, während die Gewinnquote sinkt. Die sinkenden Gewinne können jedoch dazu führen, daß die Investitionsbereitschaft erlahmt bzw. ursprünglich im Inland getätigte Investitionen in das kostengünstigere Ausland verlagert werden. Die Folge einer produktivitätsüberschreitenden Lohnpolitik wäre dann Arbeitslosigkeit (lohnkosteninduzierte oder "klassische" Arbeitslosigkeit). In diesem Fall findet eine Umverteilung von Einkommen nicht zwischen Unternehmereinkommen und Lohneinkommen, sondern innerhalb der Gruppe der Arbeitnehmer statt: diejenigen Arbeitnehmer, die trotz der "aggressiven" Lohnpolitik nicht arbeitslos wurden, beziehen höhere Einkommen auf Kosten derjenigen Arbeitnehmer, die infolge dieser Lohnpolitik ihren Arbeitsplatz verlieren.

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Erhöhte Beiträge zur Arbeitslosenunterstützung können jedoch dazu führen, daß sich auch in diesem Fall der Umverteilungserfolg als Pyrrhus-Sieg erweist. Die Veränderung der Einkommensverteilung ist, wie die Erfahrung lehrt, über die Nominallohnpolitik nicht bzw. nur unter Inkaufnahme erheblicher Risiken zu erreichen. Die Einkommensverteilung kann erfolgreich nur über die Vermögensbildung der Arbeitnehmer verändert werden. Den Tarifparteien kommt daher in einer marktwirtschaftlichen Ordnung ein hohes Maß an Verantwortung zu. Produktivitätsorientierte Lohnpolitik gilt als eine derartige verantwortungsvolle Lohnpolitik. Aus Sicht der Gewerkschaften hat sie jedoch den Nachteil, daß die herrschende Einkommensverteilung mehr oder weniger festgeschrieben wird.

Da in der öffentlichen Diskussion häufiger die negativen Beschäftigungseffekte von Rationalisierungen und Produktivitätssteigerungen herausgestellt werden, soll der Wohlstandseffekt des Produktivitätsfortschritts noch aus einem anderen Blickwinkel beleuchtet werden: Eine Erhöhung der Arbeitsproduktivität um z. B. 3 Prozent bedeutet, daß - wie oben dargestellt - mit einer gegebenen Zahl von Arbeitskräften eine um 3 Prozent höhere Produktion erzeugt werden kann. Produktivitätsfortschritte eröffnen folglich reale Wachstums- und Verteilungsspielräume; die volkswirtschaftliche Produktionskapazität wächst mit der Rate der Arbeitsproduktivität (wBIP = wp). Im Ausmaß dieses produktivitätsbedingten realen Wachstums- und Verteilungsspielraums können und müssen die Einkommen (also auch die Lohneinkommen) steigen, wenn gewährleistet werden soll, daß die höhere Produktionskapazität auch tatsächlich genutzt wird. Produktivitätsfortschritte repräsentieren folglich die Grenze des realen Verteilungsspielraums. Diese Grenze des Verteilungsspielraums kann real nicht dadurch erweitert werden, daß höhere Einkommenszuwächse verteilt werden. Der produktivitätsüberschreitende Teil ist letztlich wertlos. Der Sachverständigenrat spricht daher von "funktionslosen Verteilungskämpfen". In einer Marktwirtschaft findet die Entwertung der Einkommen in der Regel über höhere Preise, also im Wege der Inflation, statt.

Der amerikanische Ökonom Henry C. Wallich kennzeichnet den Sachverhalt wie folgt:

"Versuche, durch hohe Lohnforderungen eine Umverteilung zu erreichen, haben bislang wenig Erfolg gehabt. Die Wirkung war immer die Kostendruckinflation. Die Unternehmer haben ihre Gewinnmargen mehr oder weniger erfolgreich verteidigt, indem sie die Preise erhöhten. Der Wettlauf zwischen Löhnen und Gewinnen ist im ganzen ein totes Rennen gewesen. Die Anteile der Sozialpartner haben sich im Lauf der Jahre nur sehr mäßig zugunsten der Arbeitnehmer verändert. Folge des Verteilungskampfes war die Inflation, der Verlierer der Konsument und Sparer."

Lohnkosteninflation

Lohnsätze
steigen schneller als
Kosteneinsparungsmöglichkeit durch Rationalisierung
(Produktivitätsfortschritt)
wl > wpA
|

Anstieg der Lohnstückkosten
|

Versuch der Überwälzung
in die Produktpreise
/\

Überwälzung
gelingt

 

Überwälzung
gelingt nicht

z. B. infolge gleichförmigem Überwälzungsverhalten aller Unternehmen,
gute Auftragslage,
Wiederverausgabung der Lohneinkommen
|

z. B. bei unterschiedlichem Überwälzungsverhalten der Unternehmen, preisgünstigen Importen, schlechter Auftragslage/geringer Nachfrage
|

Lohnkostenbedingter Anstieg der Produktpreise
|

Gewinneinbußen
(Gewinnquote sinkt)
|

Lohnkosteninflation
|
\

Lohnkostenbedingte Arbeitslosigkeit
(sog. "klassische Arbeitslosigkeit")
/

Stagflation
(gleichzeitige Arbeitslosigkeit und Inflation)

|
Bekämpfung

|

Produktivitätsorientierte Lohnpolitik

5.2.2 Importierte Kosteninflation

Eine für die Bundesrepublik Deutschland immer wieder bedeutsame Form der Kosteninflation ist die importierte Kosteninflation. Sie bestimmte das Bild an der Preisfront insbesondere während der beiden Ölkrisen von 19774 und 1979/80.

Diese führten zu einer erheblichen Verteuerung der (Öl-)Importe und damit zu einer importierten Kostenbelastung. Hintergrund war der Versuch der OPEC-Staaten, durch höhere Ölpreise ihre Erlöse zu steigern, um damit mehr Güter in den Industrieländern kaufen zu können. Die Ölkrisen waren damit Ausdruck eines internationalen Verteilungskampfes. Die ölexportierenden Länder versuchten, ihre Realposition ("terms of trade") auf Kosten der übrigen Ländern zu verbessern und mit Macht einen höheren Anteil am Weltsozialprodukt durchzusetzen. Die auf Ölimporte angewiesenen Industrieländer mußten also die Ölimporte dadurch finanzieren, daß entsprechend mehr Güter an das Ausland abgegeben wurde. Entsprechend verringerte sich der im Inland verbleibende Verteilungsspielraum.

Sollen trotz der Verteuerung der Importe die Stückkosten insgesamt unverändert bleiben, so bedeutet dies, daß nur noch entsprechend geringere (Lohn-)Einkommenssteigerungen stabilitätsgerecht sind. Nach dem vom Sachverständigenrat vertretenen Konzept der kostenniveauneutralen Lohnpolitik sollten die Lohnerhöhungen um die Verschlechterung der terms of trade (d. h. die Verschlechterung der inländischen gegenüber der ausländischen Realposition, wtot) nach unten korrigiert werden.

Kostenniveauneutrale Lohnpolitik

wl = wpA ± wtot

Ein solches stabilitätsgerechtes Verhalten bürdet den Beteiligten ein hohes, möglicherweise ein zu hohes Maß an gesellschaftspolitischer Verantwortung auf. Der Verzicht auf höhere Einkommenssteigerungen ist jedoch letztlich unvermeidlich.

So wie die Macht der Gewerkschaften nicht grenzenlos ist, ist allerdings auch die Macht der OPEC nicht schrankenlos. Die Erfahrung zeigt, daß der relativ teure Produktionsfaktor durch relativ billigere Produktionsfaktoren ersetzt (substituiert) wird. Mit Blick auf den Faktor Arbeit heißt dies, daß Arbeit durch Sachkapital (Maschinen) substituiert wird; durch die hieraus gegebenenfalls entstehende Arbeitslosigkeit wird die Macht der Gewerkschaften verringert. Mit Blick auf den Inputfaktor Öl heißt dies, daß Öl durch andere Energieträger substituiert oder allgemein Energie gespart wird. Die Macht des OPEC-Kartells wird hierdurch ebenfalls in die Schranken verwiesen - die Erfahrung hat dies eindrücklich belegt.

Allerdings kann verteilungspolitisch auch die umgekehrte Situation vorliegen: Steigen die Importgüterpreise weniger stark als die Exportgüterpreise (oder sinken sie sogar), so liegt eine Verbesserung der Austauschposition gegenüber dem Ausland vor. Die terms of trade steigen. Die Folge ist, daß eine Einheit Importe nun mit weniger Exporten finanziert werden kann. Der im Inland verbleibende Verteilungsspielraum erhöht sich bzw. es liegt eine importierte Kostenentlastung vor. Bezogen auf die Löhne bedeutet dies, daß die Lohnsätze stärker angehoben werden können, ohne daß die Lohnstückkosten steigen.

5.2.3 Weitere Kostenfaktoren

Neben Lohnkosten und importierten Kosten sind als weitere Ursachen von Kostensteigerungen noch

  1. Steigerungen der Kapitalkosten (z. B. Verschlechterung der Abschreibungsmodalitäten und/oder steigende Finanzierungskosten) und
  1. Erhöhung von Kostensteuern (insbesondere Verbrauchsteuern)

zu erwähnen. Steigen die Kapitalkosten (wKapK), so bleiben die gesamtwirtschaftlichen Stückkosten nur dann unverändert, wenn die anderen Kostengrößen geringer wachsen, als die Arbeitsproduktivität steigt. Bezogen auf die Löhne bedeutet dies, daß steigende Kapitalkosten den lohnpolitischen Verteilungsspielraum verringern, während sinkende Kapitalkosten den Spielraum für kostenneutrale Lohnsteigerungen erhöhen. Für die kostenniveauneutrale Lohnpolitik folgt mithin:

Kostenniveauneutrale Lohnpolitik
(mit Berücksichtigung von Veränderungen der Kapitalkosten)
 


Folgen

wl  =   wpA ±  wtot  ±  wKapK

=>

Konstanz der gesamt- wirtschaftlichen Lohn- stückkosten

=>

Verhinderung von Kosten-
inflation

Die Veränderung der Kapitalkosten ist empirisch allerdings nur sehr schwer zu ermitteln; diesen Kosten kommt daher in der praktischen Lohnpolitik nur eine geringe Bedeutung zu.

Eine Erhöhung von Kostensteuern liegt z. B. dann vor, wenn der Staat Verbrauchsteuern (z. B. Mehrwertsteuer, Mineralölsteuer, Tabaksteuer, Branntweinsteuer) anhebt, um seine Ausgaben zu finanzieren oder andere gesellschaftliche Ziele zu verfolgen (Verringerung der Umweltbelastung infolge des Benzinverbrauchs, gesundheitspolitische Ziele). Die Anhebung dieser Steuern führt automatisch dazu, daß die Preise der betroffenen Produkte steigen. Der ausgelöste Inflationsschub ist unvermeidlich. Es wäre kaum zumutbar, daß die Löhne weniger stark steigen, um die staatlich verursachte Kostensteigerung zu kompensieren.

5.3 Marktmachtinflation (Gewinndruckinflation)

Eine weitere Form der Angebotsinflation ist die Marktmachtinflation. Sie wird auch als Gewinndruckinflation bezeichnet, da es das Ziel von marktbeherrschenden Unternehmen oder Kartellen ist, unter Ausnutzung von Marktmacht die Gewinne zu steigern. Die Gewinnsteigerung erfolgt in diesem Fall über das unternehmenspolitische Instrument der Preiserhöhung.

Sind die Nachfrager auf die Produkte des Kartells bzw. des marktbeherrschenden Unternehmens angewiesen, liegt also Marktmacht vor, so werden diese durch die Anbieter "ausgebeutet". Der Sachverhalt wird daher in der Wettbewerbsliteratur auch als Ausbeutungsmißbrauch bezeichnet. Wie bereits im Zusammenhang mit dem OPEC-Kartell erläutert, ist auch in diesem Fall "Macht" auf Dauer als brüchig. Wer seine Machtposition ausnutzt, beraubt sich damit letztlich seiner eigenen Grundlagen. Denn entweder werden neue in- bzw. ausländische Konkurrenten angelockt, oder die Nachfrager versuchen, die zu teuer gewordenen Produkte durch andere Waren bzw. Dienste zu substituieren. Die Erfahrung zeigt, daß die Beaufsichtigung des Preisverhaltens der marktbeherrschenden Unternehmen und die Kontrolle von Kartellen durch ein "Kartellamt" kaum wirksam sind.

5.4 Angebotsinflation in einem Angebots-Nachfrage-Diagramm

Graphisch läßt sich die Angebotsinflation ebenfalls in einem Angebots-Nachfrage-Diagramm darstellen. Kennzeichnend ist, daß die Angebotsfunktion mit Macht nach oben verschoben wird, sei es dadurch, daß die Stückkosten steigen (z. B. als Folge von mit gewerkschaftlicher Macht durchgesetzten Lohnerhöhungen) und die Unternehmen diese Kostensteigerungen in die Produktpreise überwälzen, oder dadurch, daß marktbeherrschende Unternehmen bzw. Kartelle ihre Marktmacht dazu einsetzen, die Gewinnmargen zu erhöhen, indem sie die Produktpreise anheben.

Folge der erhöhten Angebotspreise ist, daß bei einer preiselastischen Nachfrage (normale negative Neigung der Nachfragefunktion) Produktion und Auslastungsgrad sinken (in der obigen Abbildung ist angenommen, daß der Auslastungsgrad von 80 Prozent auf 70 Prozent sinkt). Es tritt also das Phänomen sinkender Produktion bei gleichzeitig steigenden Preisen (Stagflation) auf (Bewegung von Punkt B nach Punkt C).

Kosten sind aus Sicht der Kostenverursacher zugleich Einkommen. Es ist daher mit induzierten Nachfrageerhöhungen zu rechnen. Graphisch gesehen verlagert sich die Nachfragefunktion N0 nach rechts (N1 = N0 + d N). Dadurch gelangt man von Punkt C zum Punkt D. Damit ist dann zu rechnen, wenn

Werden die Lohneinkommen wieder verausgabt, so steigt die Nachfrage von N0 auf N1, mit der Folge, daß der Produktionsrückgang infolge der erhöhten Nachfrage zumindest zum Teil wieder kompensiert wird. Im Fall der importierten Kostensteigerungen im Zusammenhang mit der ersten Ölkrise war allerdings zu beobachten, daß die zusätzlichen Einnahmen an "Petrodollars" nur teilweise durch die ölexportierenden Länder wieder verausgabt wurden. Insbesondere in Entwicklungsländern trat die Situation ein, daß zwar die Preise für die importierten Ölprodukte stiegen, gleichzeitig aber die ölexportierenden Länder in diesen Ländern kaum zusätzliche Waren einkauften. Die Nachfrage bleibt in diesem Fall unverändert; es tritt Stagflation auf.

5.5 Bekämpfung der Angebotsinflation

Die Analyse der Ursachen der Angebotsinflation macht zugleich auch die Ansätze zu ihrer Bekämpfung deutlich. Das Ziel der Politik besteht generell darin, die inflatorisch wirkenden Verteilungsauseinandersetzungen einzudämmen. Eine Wirtschaftspolitik, die das Ziel verfolgt, die Verteilungskämpfe in stabilitätsgerechte Bahnen zu lenken, wird als "Einkommenspolitik" bezeichnet.

Grundsätzlich lassen sich zwei Varianten der Einkommenspolitik unterschieden:

Ein befehlende ("imperative") direkte Kontrolle der Verteilungsauseinandersetzungen durch den Staat könnte durch Lohn- oder Preiskontrollen erfolgen. Es ist selbstverständlich, daß in einer Marktwirtschaft derartige Maßnahmen nur in absoluten Ausnahmesituationen in Betracht kommen. Mit ihnen wäre nicht nur ein Eingriff in die Tarifautonomie verbunden, sondern es würde auch die Freiheit der Unternehmen, ihre Preise entsprechend der jeweiligen Marktbedingungen zu gestalten, außer Kraft gesetzt werden. Einkommenspolitische Maßnahmen des Staates sind folglich auf die indirekte Beeinflussung des Verteilungsverhaltens zu beschränken.

Es stellt sich deshalb die Frage, wie ohne direkte Eingriffe in die Tarifautonomie und ohne direkte Eingriffe in die Preissetzungsautonomie der Unternehmen sichergestellt werden kann, daß sich die Verteilungsauseinandersetzungen in geordneten Bahnen vollziehen und nicht in die Sackgasse der Inflation münden. Die Zielsetzung stabilitätskonformer Verteilungsauseinandersetzungen ist leicht formuliert; die Umsetzung in die politische Praxis wirft jedoch erhebliche Probleme auf. Grundsätzlich werden folgende Strategien einer indikativen (nicht befehlenden) oder kooperativen staatlichen Einkommenspolitik diskutiert:

5.5.1 Sozialkontrakte und Konzertierte Aktionen

Einerseits wird dafür plädiert, die gesellschaftlichen Gruppen stärker in die gesamtwirtschaftliche Verantwortung einzubinden. Hierdurch soll bewirkt werden, daß die Verfolgung partikularer Interessen nicht auf Kosten des Gemeinwohls erfolgt. In diesem Zusammenhang wird für Sozialkontrakte, Konzertierte Aktionen oder für ein partnerschaftlicheres Verhalten geworben. Diese Form der indirekten Einkommenspolitik wird auch als kooperative Einkommenspolitik bezeichnet.

Derartige Vorstellungen haben in das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz Eingang gefunden. Die in § 3 StWG verankerte "Konzertierte Aktion" fand vor allem in den 60er und 70er Jahren größere Beachtung. Sie stellte den Versuch dar, die gesellschaftlichen Gruppen quasi "am runden Tisch" auf ein stabilitätsgerechtes Verhalten einzuschwören. Die Beschlüsse der Konzertierten Aktion sind allerdings unverbindlich. Die Autonomie der gesellschaftlichen Gruppen, insbesondere die der Sozialpartner, wird folglich nicht angetastet. In der Praxis hat sich diese Einrichtung als wenig effizient erwiesen. Inzwischen werden Konzertierte Aktionen, zumindest in der Form wie sie das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz vorsieht, nicht mehr praktiziert.

5.5.2 Konsequente Wettbewerbspolitik

Mit Blick auf die Bekämpfung der Marktmachtinflation wird für eine konsequente Wettbewerbspolitik plädiert. Die Wettbewerbspolitik wird daher auch als zweite Säule der Einkommenspolitik bezeichnet.

Ziel der Wettbewerbspolitik muß es sein, der Kartellierung und den wettbewerbsbeschränkenden Kooperationen entgegenzuwirken sowie durch eine vorbeugende Fusionskontrolle das Entstehen marktbeherrschender Positionen zu verhindern. Wettbewerbspolitik muß mithin an den Ursachen, nämlich der Kartell- und Monopolmacht, nicht am Symptom (den mißbräuchlich überhöhten Preisen) ansetzen.

Rechtsgrundlage hierfür ist in der Bundesrepublik Deutschland das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) aus dem Jahr 1957. Einer nationalen Wettbewerbspolitik sind allerdings in zunehmendem Maße Schranken gesetzt. Ohnehin kann festgestellt werden, daß die beste Wettbewerbspolitik eine Politik der Marktöffnung nach innen und außen ist. Marktöffnung nach außen heißt letztlich Freihandelspolitik. Durch die potentielle Konkurrenz von ausländischen Unternehmen wird nationale Macht allemal in die Schranken verwiesen. Die Wirtschaftspolitik muß hierzu jedoch den Mut aufbringen, die Grenzen für die ausländischen Konkurrenten offen zu halten.

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5.5.3 Die monetaristische Disziplinierungsstrategie

Monetaristen lehnen sowohl direkte als auch indirekte einkommenspolitische Einmischungen des Staates ab. Auch eine kooperative Einkommenspolitik sei verfehlt; durch Einkommenspolitik könnten die Verteilungsauseinandersetzungen nicht wirksam gezügelt werden. Sie plädieren für eine strikte stabilitätsgerechte Geldpolitik. Denn ohne monetäre Alimentierung ist auf Dauer ohnehin keine Inflation möglich.

Durch monetaristische Geldpolitik soll sichergestellt werden, daß sich die ohnehin nicht vermeidbaren Verteilungsauseinandersetzungen nicht inflatorisch auswirken. Wenn die Geldpolitik beispielsweise die Überwälzung "überzogener" Lohnsteigerungen auf die Produktpreise durch eine Politik des knappen Geldes verhindert, so tritt als Folge der "überzogenen" Lohnforderungen Arbeitslosigkeit auf. Diese Arbeitslosigkeit ist dann die Sanktion für lohnpolitisches Fehlverhalten. In künftigen Tarifauseinandersetzungen werden die Gewerkschaften - so die Vorstellung der Monetaristen - berücksichtigen, daß eine aggressive (produktivitätsüberschreitende) Lohnpolitik zu Unterbeschäftigung führen kann. Sie werden folglich aus eigener Einsicht und ohne Konzertierte Aktionen zu einem stabilitätsgerechteren Verhalten veranlaßt. Entsprechendes gilt auch mit Blick auf ein nicht stabilitätsgerechtes Verhalten der übrigen gesellschaftlichen Gruppen sowie des Staates selbst.

Die Deutsche Bundesbank betont immer wieder, daß die bei nicht stabilitätsgerechtem Verhalten der gesellschaftlichen Gruppen im Zweifel bereit ist - wie 1974 geschehen - über eine Politik des knappen Geldes eine "Stabilisierungskrise" einzuleiten.

6 Geldmengeninflation und ihre Bekämpfung

6.1 Quantitätstheorie des Geldes

Bereits mehrfach wurde darauf hingewiesen, daß jede Inflation letztlich ein monetäres Phänomen ist. Ohne Ausweitung der Geldmenge ist Inflation auf Dauer nicht möglich.

Theoretische Basis für diese Erkenntnis ist die Quantitätstheorie. Die Quantitätsgleichung des Geldes lautet:

Quantitätsgleichung

M x U = Yr x P

Diese Schreibweise geht auf Irvring Fisher zurück, daher heißt sie auch "Fishersche Verkehrsgleichung". Sie verknüpft die Größen Geldmenge (M), Umlaufgeschwindigkeit des Geldes (U), reale Produktion (Yr, bei Fisher: "Handelsvolumen") und Preisniveau (P). Fisher unterstellte eine strikte Proportionalität zwischen Geldmengen- und Preisniveauentwicklung.

Diese Gleichung kann als immer erfüllte Identität interpretiert werden. In diesem Sinne besagt sie, daß die in einer Volkswirtschaft getätigten Umsätze (Yr x P) notwendigerweise bezahlt, also "geldtechnisch" abgewickelt worden sein müssen. Das Produkt aus Geldmenge und Umlaufgeschwindigkeit des Geldes (M x U) stellt nichts anderes als die nachfragewirksame Geldmenge dar.

Schreibt man die Quantitätsgleichung in Wachstumsraten, so folgt:

wM + wU = wYr + wp

Aufgelöst nach der Entwicklung des Preisniveaus (wP) ergibt sich:

Geldmengeninflation

wp = wM - wYr + wU

Ein Anstieg des Preisniveaus kann demnach bei gegebenem Wachstum des realen Sozial- oder Inlandsprodukts verursacht werden durch:

Entscheidend ist das Wachstum der Geldmenge. Steigt die Geldmenge - bei unveränderter Umlaufgeschwindigkeit - schneller als die reale Produktion (wM > wYr), so ist Inflation die unausweichliche Folge. Anders gewendet heißt dies: Wächst die Geldmenge genauso schnell wie die reale Produktion, so ist - bei unveränderter Umlaufgeschwindigkeit des Geldes - Preisniveaustabilität zu erwarten:

wM = wYr

Kurzfristig kann zwar auch eine Beschleunigung der Umlaufgeschwindigkeit eine zusätzliche Nachfrage finanzieren und damit für Inflation verantwortlich sein. Auf Dauer ist allerdings kaum zu erwarten, daß die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes ins uferlose steigt bzw. (was dasselbe ist) die Kassenhaltung nicht immer weiter verringert wird. Umgekehrt muß kurzfristig nicht jede Geldmengenausweitung, die über das reale Wachstum der Wirtschaft hinausgeht, sofort zu Inflation führen. Kurzfristig kann Geld nämlich "brach liegen", was bedeutet, daß die vorhandene Geldmenge nicht vollständig nachfragewirksam wird, wodurch die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes sinkt. Auf längere Sicht wird die Geldmenge jedoch irgendwann für Güterkäufe eingesetzt.

Die Vorstellung, wonach die Entwicklung der Geldmenge für die Inflation verantwortlich ist, geht auf die klassische Lehre zurück. Sie unterstellt eine "Neutralität des Geldes". Geld schwebt danach wie ein Schleier über der Wirtschaft und übt keinen Einfluß auf den realen Sektor aus. Eine Erhöhung der Geldmenge erhöht proportional das Preisniveau. Da die Preisrelationen unverändert bleiben, gehen von einer Geldmengenerhöhung keine Wirkungen auf Produktion und Beschäftigung aus. Im Grunde teilen auch Monetaristen diese klassische Auffassung, allerdings nur für die längere Sicht.

Die Frage, ob die Geldmengenentwicklung oder das Verhalten der privaten Haushalte und Unternehmen, des Staates und des Auslandes die eigentliche Ursache der Inflation darstellt, ist nur schwer zu beantworten. Letztlich handelt es sich hierbei um die Frage nach der Kausalität. Ist eine "falsche" Geldpolitik die eigentliche Ursache für das überhöhte Geldmengenwachstum, so liegt die Verantwortung für die Inflation zweifelsfrei bei der Zentralbank. Diese Auffassung vertreten vor allem Monetaristen (sog. "Kausalität des Geldes").

Keynesianer verweisen dagegen darauf, daß Inflation in erster Linie vom Verhalten der Wirtschaftssubjekte abhängt, also von den Einkommensforderungen und dem Ausgabeverhalten der Privaten, der Ausgabenpolitik des Staates und der Nachfrage des Auslands bewirkt wird. Inflation ist aus dieser Sicht das Ergebnis des Nachfrage- und Angebotsverhaltens der privaten Wirtschaftssubjekte. Die monetäre Alimentierung der Nachfrage wird ihrer Auffassung nach infolge eines "elastischen Geldsystems" (verwiesen wird u. a. auf die Giralgeldschöpfungsfähigkeit der Geschäftsbanken) und infolge von Kontrollmängeln einer in das Schlepptau der Nachfrage- und des Angebotsverhaltens geratenden Zentralbank mehr oder weniger automatisch sichergestellt. Speziell die Ausgestaltung des internationalen Währungssystems kann dazu führen, daß die Zentralbank de facto eine akkommodierende Geldpolitik betreiben muß. Die Geldmengenentwicklung ist nach dieser keynesianischen Einschätzung also eher Folge als Ursache des Verhaltens der Wirtschaftssubjekte (sog. "Endogenität des Geldes"). Es komme mithin darauf an, so die Keynesianer, dieses Verhalten durch konjunktur- und einkommenspolitische Maßnahmen stabilitätsgerecht zu beeinflussen.

Der Streit um die Frage der Kausalität ist nicht zweifelsfrei zu entscheiden. Es hängt von den konkreten Bedingungen in einem Land ab, ob eher der keynesianischen These oder der monetaristischen Auffassung zu folgen ist. Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß eine von der Exekutive unabhängige Notenbank die beste Garantie dafür ist, daß die Zentralbank nicht in das Schlepptau eines inflatorischen Verhaltens der privaten Nachfrager, der Lohnpolitik und/oder des staatlichen Ausgabenverhaltens gerät. Darüber hinaus sind flexible Wechselkurse notwendige Voraussetzung dafür, daß die Notenbank die Geldmenge stabilitätsgerecht steuern kann ("außenwirtschaftliche Absicherung" der Geldpolitik).

6.2 Die Verantwortung der Geldpolitik

In jedem Fall kommt der Notenbank bei der Verhinderung von Inflation letztlich die zentrale Rolle zu. Ihre Aufgabe muß es sein, die Geldmengenentwicklung stabilitätsgerecht zu gestalten, also am mittelfristigen realen Wirtschaftswachstum auszurichten. Da die Wirtschaft mittelfristig nur im Rahmen der volkswirtschaftlichen Produktionskapazität (sog. Produktionspotential, Y*) wachsen kann, wird die Ausrichtung der Geldmengenentwicklung am Wachstum des Produktionspotentials empfohlen. Verändert sich mittelfristig zudem die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes, so ist auch dies bei der Festlegung des stabilitätsgerechten Geldmengenziels zu berücksichtigen: Sinkt die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes im Trend, so ist ein höheres Geldmengenwachstum erforderlich, um das reale Wachstum der Wirtschaft zu finanzieren; steigt die Umlaufgeschwindigkeit, so ist ein entsprechender Abschlag vorzunehmen. Nicht zu berücksichtigen sind dagegen kurzfristige Schwankungen der Umlaufgeschwindigkeit. Sie sind lediglich Reflex der konjunkturellen Entwicklung.

Damit folgt für eine stabilitätsgerechte Geldmengenpolitik:

Monetaristische Geldpolitik

wM = wY* + wU*

Hierbei repräsentiert wY* das Wachstum des Produktionspotentials und wU* die trendmäßige Veränderung der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes.

Diesem Konzept folgt die Deutsche Bundesbank mit ihrer "Neuen Geldpolitik. Seit 1974 veröffentlicht die Bundesbank jährlich die von ihr angestrebten Geldmengenziele für das laufende Jahr. Bei der Ableitung des Geldmengenziels orientiert sie sich an folgenden Größen:

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Die Bundesbank formuliert seit 1988 ihr Geldmengenziel anhand der Geldmenge M3.

Eine Zentralbank ist gut beraten, wenn sie von vornherein alles unternimmt, um inflationäre Entwicklungen gar nicht erst aufkommen zu lassen. Ist ein Inflationsprozeß erst einmal in Gang gekommen, und stellen sich die Wirtschaftssubjekte darauf ein, daß auch künftig mit Inflation zu rechnen ist, so ist die Inflationsmentalität nur unter Inkaufnahme erheblicher Produktions- und Beschäftigungsrisiken und folglich nur unter Inkaufnahme erheblicher gesellschaftlicher Kosten zu brechen.

 

Exkurs: der Mehrfaktorenansatz der Europäischen Zentralbank

Hauptziel der EZB ist die Sicherung der Preisniveaustabilität. Die Europäische Zentralbank verfolgt hierzu bisher keinen klaren potentialorientierten Kurs. Von Anfang an war klar, dass die Europäische Zentralbank, um den Marktteilnehmern glaubwürdig ihre Stabilitätsorientierung vermitteln zu können, eine tragfähige geldpolitische Konzeption brauchte; wegen der Komplexität des monetären Transmissionsmechanismus, der Wirkungsverzögerungen geldpolitischer Maßnahmen und der ungewissen Folgen einer diskretionären, von Fall zu Fall reagierenden Geldpolitik bestand weitgehend Einmütigkeit darüber, dass die Konzeption auf nachvollziehbaren Regeln beruhen und mittelfristig ausgerichtet sein solle. Weniger klar war, welcher der in der Wissenschaft diskutierten Optionen der Vorzug gegeben werden sollte.

Der Deutsche Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hatte wiederholt für eine konsequnete potentialorientierte Geldmengenstrategie geworben (zuletzt JG 1999/2000 Ziffer 259ff). Andere plädierten für eine Strategie der direkten Inflationssteuerung („inflation targeting"). Beide Strategien bezwecken das Gleiche, nämlich die Geldwertstabilität zu sichern, beide haben methodisch ihre Stärken und Schwächen, beide sind nicht von der Art, dass sie mechanistisch umgesetzt werden müssten, sondern belassen der Notenbank durchaus einen Spielraum, um in konkreten Situationen auch mal anders als strikt regelorientiert zu handeln - allerdings unter der entscheidenden Nebenbedingung, dass Regelabweichungen glaubwürdig zu begründen sind, damit an den Märkten keine Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Kurses aufkommen kann.

Die nunmehr in der europäischen Geldpolitik gewählte Konzeption ist anders angelegt. Danach gibt es im eigentlichen Sinne weder eine potentialorientierte Geldmengensteuerung noch eine direkte Inflationssteuerung, sondern ein Kombination von beiden, zugleich andersartig etikettiert und charakterisiert. Der nsatz wird daher auch als Mehrfaktorenkonzept bezeichnet.

(1)    Refernzwert für die M3-Entwicklung

Der erste Eckpfeiler des geldpolitischenkonzepts der Europäischen Zentralbank ist tendenziell potentialorientiert. Die EZB verzichtet allerdings (bisher) auf angekündigte Geldmengenziele, sondern veröffentlicht lediglich einen "Referenzwert" für die M3-Entwicklung. Einen Referenzwert für die Entwicklung der europäischen Geldmenge (in der Abgrenzung M3) anzugeben ist inhaltlich allerdings etwas anderes, als ein anzustrebendes Geldmengenziel zu formulieren. Der Referenzwert wurde zwar methodisch nach dem gleichen Verfahren hergeleitet und quantifiziert, wie das früher die Deutsche Bundesbank bei der Bestimmung des Zielpfades für die monetäre Expansion getan hat. Aber im Unterschied zum Zielpfad für eine potentialorientierte Geldversorgung, der in der Vergangenheit in einen Korridor (Zieltrichter) von zwei bis drei Prozentpunkten eingebettet war, um kurzfristige Schwankungen in der Geldnachfrage aufzufangen, hat der Referenzwert der EZB keine kritischen Grenzen für die monetäre Entwicklung, an denen ein geldpolitischer Handlungsbedarf entstehen könnte und von den Märkten so erwartet würde. Wenn die aktuelle Geldmengenentwicklung im Euro-Raum vom Referenzwert dauerhaft nach oben abweicht, bleibt offen, wie groß und wie anhaltend die Abweichung sein darf, bis geldpolitische Korrekturmaßnahmen (z. B. eine Zinserhöhung) angezeigt sind. Dementsprechend hat die Europäische Zentralbank, anders als früher die Deutsche Bundesbank, prinzipiell einen größeren diskretionären Spielraum.

(2)    Direkte Inflationssteuerung

Der zweite Pfeiler der geldpolitischen Strategie der Europäischen Zentralbank wird mit "direkter Inflationssteuerung" umschrieben. Die ZB strebt an, den Anstieg des Harmonisierten Verbraucherpreisindex auf maximal 2 vH gegenüber dem Vorjahr zu begrenzen. Zu diesem Zweck werden kontinuierlich alle für relevant gehaltenen Einflussfaktoren analysiert, um rechtzeitig Risiken für die Geldwertstabilität auszumachen. Eine Inflationsprognose hat die Europäische Zentralbank erstmals und sehr allgemein im September 1999 veröffentlicht.

Eine laufende Inflationsanalyse durchzuführen ist allerdings für eine Zentralbank eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Denn neben den mittelfristig entscheidenden Auswirkungen der Geldmengenentwicklung auf die Inflationsrate sind stets auch die anderen Bedingungen (wie Wechselkurse, Importpreise, Lohnstückkosten, indirekte Steuern, staatlich administrierte Preise, die allgemeine Konjunkturlage) zu beachten. Sie können das Preisklima vorübergehend oder anhaltend beeinflussen und geldpolitischen Handlungsbedarf auslösen. Im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit der gewählten Konzeption ist es aber wichtig, dass die Geldpolitik faktisch nicht in einen Mehrindikatoren-Ansatz mündet. Erforderlich ist vielmehr eindeutige Orientierung. An den Märkten kann sonst der Eindruck entstehen, die Notenbank sei an allen Einflussgrößen gleichermaßen (im Sinne eines „looking at everything") interessiert. Da der Informationsgehalt der einzelnen Indikatoren unterschiedlich und mitunter gegenläufig ist. Mit einem Mehrfakorenansatz eröffent sich die Europäische Zentralbank Spielräume für eine diskretionäre Politik. Die Glaubwürdigkeit des Handelns würde hierunter leiden. Ein Mehrfaktorenansatz gibt keine verlässliche Orientierung für die Erwartungsbildung; die Märkte könnten verunsichert werden und sogar falsche Schlüsse über den bevorstehenden geldpolitischen Kurs ziehen.

Trotz der sicherlich gerade im Europäischen Währungsraum bestehenden Unsicherheit hinsichtlich der Stabiliätseigenschaften der monetären Transmissionsprozesse plädiert der Sachverständigerat im Ergebnis für eine potentialorientierte Geldpolitik nach dem Vorbild der Deutschen Bundesbank.  (Siehe hierzu das Jahresgutachten des Sachverständigenrates 1999/2000, 5. Kapitel, I)

(3)    Geldmengreferenzwert für das Jahr 2000

Der EZB-Rat hat in seiner Sitzung am 02.12.1999 den bisherigen Referenzwert von 4,5% auch für das Jahr 2000 bestätigt.

Begründung:
"Dieser Beschluß wird gefaßt, weil die der Ableitung des Referenzwertes zugrunde liegenden Komponenten, nämlich die Definition des Eurosystems von Preisstabilität (HVPI   > 2%), Wachstum des realen BIP (2% - 2,5%) und für den trendmäßigen Rückgang der Einkommensumlaufgeschwindigkeit der M 3 (0,5% bis 1% pro Jahr) im wesentlichen unverändert geblieben sind."

Presseverlautbarungen zufolge beabsichtigt die EZB auch ab Jahresmitte 2000 eine Inflationsprognose zu veröffentlichen. Die Bank of England (BoE) betreibt bereits seit Jahren eine geldpolitische Strategie, die auf ein direktes Inflationsziel gerichtet ist. Problematisch erscheint hierbei das Faktum, dass die Inflationsrate als Indikator meist am Ende eines Zyklus wirksam wird und ein zu spätes Eingreifen der betreffenden Notenbank u.U. fatale Folgen haben könnte. Bei der Geldmengenstrategie deutet eine starke Ausweitung der kaufkraftwirksamen Geldmenge bereits sehr frühzeitig auf eine inflationäre Tendenz hin, so daß die Notenbank hier entsprechend gegensteuenrn kann (z.B. Erhöhung der Leitzinsen). Bedingung für einen inflatorischen Prozeß ist   bekanntlich dessen monetäre Alimentierung. Die Veröffentlichung eines Inflationszieles durch die EZB ist daher - wie dargelegt - sehr umstritten.

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Zur Definition der Geldmengenaggregate durch die EZB siehe auch pfeil.gif (242 Byte)

Übersicht

Ursachen von Inflation
und
Ansatzpunkte der Geldwertstabilitätspolitik

Nachfrageinflation

Angebotsinflation

Konjunkturelle Inflation

Kostendruckinflation

Marktmachtinflation

("Gewinndruckinflation")

Preisniveausteigerungen in der Hochkonjunktur als Folge eines Überhangs der Nachfrage über die volkswirtschaftlichen Produktionskapazitäten.
  • hausgemachte Nachfrageinflation
  • importierte Nachfrageinflation
Preisniveausteigerungen als Folge einer machtbedingten Erhöhung der Faktorkosten.
  • produktivitätsüber-
    schreitende
    Lohnsteigerungen
  • importierte Kostenbelastungen
  • Erhöhung von
    Kostensteuern bzw. Kapitalkosten

Preiserhöhungen als Folge einer machtbedingten Erhöhung der Güterpreise durch Kartelle und/oder marktbeherrschende Unternehmen zum Zweck der Gewinnsteigerung
 

Verteilungskampfinflation

Kostendruck- und Marktmachtinflation sind letztlich Folge von Verteilungskämpfen auf den Faktor- und Gütermärkten.

     

Bekämpfung:

Drosselung der Nachfrage durch kontraktive Konjunkturpolitik

  • Kontraktive Fiskalpolitik
  • Kontraktive Geldpolitik
  • Kontraktive Außenwirtschaftspolitik

Bekämpfung:

Die Vorschläge zielen in erster Linie auf die Lohnpolitik ab.

Empfohlen wird eine

  • produktivitätsorientierte Lohnpolitik bzw.
  • kostenniveauneutrale Lohnpolitik

Bekämpfung:

Kontrolle des Verhalten durch

  • Kartellverbot
  • Mißbrauchsaufsicht über marktbe-
    herrschende Unternehmen
  • Fusionskontrolle
  • ggf. Entflechtung
 

Einkommenspolitik

Ziel der Einkommenspolitik ist es, das verhalten der Privaten so zu beeinflussen, daß die Summe der Einkommensforderungen gesamtwirtschaftlich mit Preisniveaustabilität vereinbar ist. Strategien sind:

  • imperative Einkommenspolitik (Lohn- und Preiskontrollen),
  • indikative/kooperative Einkommenspolitik (z. B. "Konzertierte Aktion")


Geldmengeninflation ("Quantitätstheorie")

Inflation muß langfristig immer monetär alimentiert worden sein. Nimmt die Geldmenge schneller zu, als die gesamtwirtschaftliche Produktion, so ist Inflation die Folge.

Bekämpfung

Ausrichtung der Geldmengenentwicklung am mittelfristigen Wachstum der Wirtschaft
("potentialorientierte Geldpolitik").

Quelle: Pätzold, J.: Stabilisierungspolitik, 6. Aufl., Vahlen Verlag, Bern - Stuttgart - Wien 1998 (kann hier direkt bestellt werden)

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